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Frau lesend im Buchregal, Geschichte, Kurzgeschichte, Autorin, Stephanie Marzian

Das Buch und ich

„Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen.”

Hans Derendinger

Diesen hübschen Spruch nahm mein Augenwinkel wahr. Als ich an der Aufstelltafel vorbei flanierte, auf der er geschrieben stand. Ich blieb stehen. Nur für einen kurzen Moment. Innehalten ist grundsätzlich eine tolle Sache. Solltet ihr mal ausprobieren! Man lernt so vieles von seiner Umwelt kennen, was man im Vorbeieilen nie wahrgenommen hätte.

Der Spruch auf der Aufstelltafel ist jedenfalls nachdenkenswürdig. Finde ich.

Es wird die Kollision eines Buchs mit mir (stellvertretend für den Leser) im richtigen Augenblick als Relevanz für etwas deklariert, was dem Leser ein Rätsel bleibt. Oder etwa nicht? Was passiert denn dann, Herr Derendinger? Nach dieser Begegnung? Darüber lassen Sie uns völlig im Unklaren. Werden wir uns schüchtern gegenüber stehen wie zwei Teenies, rot anlaufen und dann wieder getrennte Wege gehen? Oder werden wir aufeinanderprallen wie zwei Kometen und nicht mehr voneinander loskommen? Wird dieses Buch mein Leben auf den Kopf stellen, verändern, wegweisend sein? Dann stelle ich mir aber die Frage: Schön und gut, wenn der Augenblick der Richtige ist, aber was ist mit dem Buch? Es heißt im Zitat ganz lapidar einem Buch. Eigentlich müsste es doch heißen DEM einen Buch - das Buch, dessen Geschichte einen vollkommen in seinen Bann zieht!

Begegne ich irgendeinem Buch, bringt mich das nicht weiter, wenn mir der Inhalt nicht gefällt. Tut mir leid, aber mit Lovestorys, die auf einem Landgut in England spielen, kann ich so gar nichts anfangen. Und wenn in der Geschichte auch noch Pferde vorkommen…! Ach, lassen wir das.

Nehmen wir mal an, es ist ein Buch, das mich von der ersten Zeile an fesselt, die Geschichte packt mich mit Haut und Haaren. Ja dann… 

Aber der Urheber dieses Zitats lässt mich absichtlich im Unklaren, worauf es ankommt, wenn ich einem Buch im richtigen Augenblick begegne. 

Was passiert denn rein physisch, wenn ich diesem einen Buch im richtigen Augenblick begegne? In diesem Fall muss einem doch gesagt werden, ob man einen Kescher zur Hand haben sollte, um das Buch schnell genug einfangen zu können, oder ob es ruhig in der Auslage ausharrt, bis ich es mir greife? Und was ist überhaupt mit dem Ort des Geschehens? Darüber schweigt Herr Derendinger sich ebenfalls aus. Ich könnte dem Buch in einem Bus, einem Café oder im Vatikan in der Hand eines anderen begegnen, dem ich es entreißen muss, um dann in halsbrecherischer Flucht mit ihm das Weite zu suchen, nur damit wir endlich zusammenbleiben können. (Ok… Vielleicht geht hier die Phantasie ein wenig mit mir durch…)

Richten wir das Augenmerk auf den Augenblick an sich, in dem man einem Buch begegnet. Ganz egal, welcher Ort, welche Zeit (ob zwölf Uhr mittags, Ostermontag oder die Sommersonnenwende)… der Augenblick soll richtig sein. Richtig… ein Augenblick kann nicht richtig oder falsch sein. Es sind doch die Begleitumstände, die ihn erst zu dem machen, was er für uns ist, oder nicht?  Das Wort begegnen finde ich sehr allerliebst. Es ist ein bisschen altbacken. Aber für mich haftet einer Begegnung immer ein ausgesprochen besonderes Ereignis an. Ob positiv oder negativ. Oder ihr haftet eine besondere Person an. Als ob der Urheber des Zitats das Buch personifiziert. Wie Liebe auf den ersten Blick, wenn sich zwei Menschen zum ersten Mal begegnen und sie vom ersten Moment an wissen, dass sie von nun an nie wieder ohne den anderen sein wollen. Das klingt ja beinah romantisch. Ich schmelze gerade dahin. Moment. Geht gleich wieder.

Aber über all das werde ich im Unklaren gelassen. Also, so hübsch wie am Anfang finde ich den Spruch nun gar nicht mehr. Die Fragen und Ungereimtheiten drängen mich geradezu dazu, einen neuen Spruch zu kreieren, der für mich mehr Sinn ergibt (Fühlt Euch frei, mich zu zitieren):

"Es ist wichtig, dass wir uns begegnet sind - das Buch und ich."

Stephanie Marzian


An diesem Gedanken-Frei-Freitag hätte Euch noch so viel zu erzählen, aber nächsten Freitag ist ja auch noch ein Tag.

Fühlt euch gedrückt!
Eure Stephy Marzian

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Warum ich das mit dem Schreiben mache? Weil diese Wörter aus mir raus purzeln und es doch irgendjemanden geben muss, der sie auffängt, bevor sie auf den harten Boden der Realität knallen.
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