Kapitel 1
„Wer denkt, die wahre Liebe sei nur ein Gespinst, der hat noch nie einen Kuss unter dem Mistelzweig erhalten!"
Mitte November
Der dunkelgrüne Lack blätterte gleichgültig von den dünnen Holzrahmen, die die quadratischen Scheiben der beiden Schaufenster in ein Mosaik verwandelten. Seit vielen Jahrzehnten hatte niemand dem betagten Stadthaus in der Portobello Road in Londons romantischstem Stadtviertel Notting Hill Beachtung geschenkt, außer Gwendolyn Shakespeare.
Es hatte ein paar Jahre gedauert, doch an einem stürmischen Tag mitten im November hatte sich ein Traum für die junge Buchhändlerin erfüllt: Das alte Stadthaus gehörte nun ihr!
Zufrieden schritt sie durch das Untergeschoss, das ganz bald ihr eigener Buchladen mit Café werden würde. Sie stellte sich einen magischen Ort vor, an dem die Menschen Ruhe finden und bei einem guten Buch und einer Tasse Tee oder Kaffee ihren Alltagsstress für einen Moment vergessen konnten. Ein Ort, an dem sich zwei Menschen begegnen und sich Hals über Kopf in einander verlieben würden.
Nicht, dass ihr so etwas bereits passiert wäre, aber sie gab die Hoffnung nicht auf. Denn Leidenschaft und Romantik flossen wie Blut durch ihre Adern.
Mit einem Lächeln auf den Lippen und in diesen wärmenden Gedanken versunken schaute sie aus dem Schaufenster nach draußen. Regen prasselte gegen die kleinen Glasscheiben. Eine Blätterwolke wirbelte einem Passanten hinterher und lenkte ihren Blick auf eine Gestalt. Sie stand in einiger Entfernung auf ihren Gehstock gebeugt und war umgeben von den dunklen Wellen ihres langen Mantels. Gwendolyn sog augenblicklich die Luft ein. Sie konnte es durch die regennassen Schlieren an den Scheiben nicht deutlich erkennen, spürte aber, dass die Augen der Gestalt auf ihr ruhten. Ihr Herz pochte schneller. Ein eiskalter Schauer floss über ihre Haut und ließ die kleinsten Härchen zu Berge stehen. Sie schloss die Augen und rieb sich schnell über die Oberarme, um das fröstelnde Gefühl abzuschütteln. Als sie die Augen wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden und Gwendolyn atmete erleichtert aus.
„Liebes, reichst du mir bitte den Akkuschrauber?", bat ihre Mutter. Sie stand auf einer Leiter, die an einem der Regale an der Wand lehnte, hielt sich mit einer Hand an einer Sprosse fest und suchte in der weiten Brusttasche ihrer Cord-Latzhose nach den passenden Schrauben. Holly hatte ein Faible für Latzhosen aller Art. Manche Leute nannten es einen verrückten Spleen. Doch das störte sie wenig. Sie verband den praktischen Nutzen einer Arbeitshose mit ihren modischen Vorlieben. Ihre Mutter war Bühnenbildnerin und in Sachen Handwerkskunst sehr begabt. Also das Beste, was Gwendolyn mit ihrem schmalen Budget und den zwei linken Händen passieren konnte. Sie selbst war ein Kopfmensch und plante zusammen mit ihrem Vater Burdon den Umbau ihres Ladens.
„Gwenny!"
„Oh ja, natürlich!" Sie reichte ihrer Mutter eines der Werkzeuge aus der Werkzeugkiste und sah sich im Verkaufsraum um. Von Behaglichkeit konnte hier noch nicht die Rede sein. Es herrschte das reinste Chaos. Sturmgraue, liederlich zusammengefaltete Laken türmten sich vor den deckenhohen Holzregalen, von denen sie sie abgezogen hatten. Immer wieder wallten Staubwolken auf, und das Knirschen des Drecks unter ihren Füßen verlieh den Renovierungsarbeiten ihren einzigartigen Charme.
Plötzlich schlugen die Glöckchen der Eingangstür mit Getöse Alarm.
„Wartet, ich helfe euch!" Schon war Gwendolyn zur Stelle und hielt ihrem Vater und ihrer besten Freundin Olivia die Tür auf. Beide schleppten prall gefüllte Tüten und Taschen und ihr Vater zusätzlich einen Staubsauger herein.
Olivia ließ alles mit einem Rums auf den Boden fallen, und Staubflocken wirbelten empor. Sie setzte die weite Kapuze ihres Steampunk-Mantels ab. Darunter kam eine Frisur zum Vorschein, die eigentlich keine war. Vielmehr erinnerte sie an neongrüne, zerrupfte Federn, die von einer Art nostalgischer Schweißerbrille gebändigt wurden. Staunend sah sie sich um. Das Leuchten in ihren strahlend hellblauen Augen, das Gwendolyn sehr liebte, verriet ihre pure Begeisterung.
„Das ist es also", nickte sie anerkennend und besah sich jede verschmutzte Ecke des Vorraums. Dann schritt sie durch den großen Torbogen. Was dahinter lag, erinnerte Gwendolyn an das Mittelschiff einer Kathedrale. Nach oben öffnete sich die vordere Hälfte des Raumes um zwei Etagen bis zum Dachfirst. Durch eine Kuppel mit farbig gemusterten Glasscheiben schaffte es das trübe Tageslicht tatsächlich bis zum Boden und tupfte das staubige Parkett bunt.
„Ja, das ist es also", seufzte Gwendolyn mit einem glücklichen Lächeln und folgte der Schneise im Staub, die ihre Freundin mit ihrer bodenlangen Mantelschleppe fegte.
Olivia wirbelte herum, wobei die Zahnrädchen ihres Arm- und Halsschmucks aneinander klimperten. „Du hast es getan, Cap! Du hast es gekauft!" Sie herzte Gwendolyn so stürmisch, dass diese keine Chance hatte, die Gefühlsexplosion ihrer Freundin abzuwehren. Entgegen ihrer sonst zurückhaltenden Art tanzte sie mit Olivia durch den großen Raum, vorbei an Regalen, die wie stumme Zeitzeugen die Wände säumten. Zwischen ihnen lugte ein gemauerter Kamin hervor und versprach gemütliche Tage am wärmenden Feuer. In der rechten hinteren Ecke führte eine Wendeltreppe mit goldverschnörkeltem Geländer ins obere Stockwerk und mündete auf einer Galerie. Über ihnen hing ein wuchtiger, achtarmiger Lüster mit trüben Lampenschirmchen. Ineinander verwobene Spinnennetze hüllten ihn ein, als wollten sie den Preis für die perfekte Halloweendekoration gewinnen.
Über allem lag der Staub der letzten Jahrzehnte.
Prustend ließ sich Gwendolyn auf der untersten Stufe der Wendeltreppe nieder und sah Olivia lächelnd zu, wie sie sich noch eine Weile weiter drehte. Da fiel ihr der Rat ein, den ihr Vater ihr einmal gegeben hatte. Sie notierte ihn gleich in ihrem Notizbuch, das sich immer griffbereit in ihrer Tasche befand: „Wenn du einen Traum hast, setze alles daran, ihn dir zu erfüllen. Wie sehr dich andere vielleicht dafür belächeln. Wenn du daran glaubst, dann kann er wahr werden!"
Gwendolyn hatte zwei große Träume. Erstens: Ihrer großen Liebe zu begegnen und wie in ihren Lieblingsbüchern, im Sturm erobert zu werden. Und Zweitens: Ihre eigene Buchhandlung mit Café zu eröffnen. Nun konnte sie es selbst kaum fassen, dass zumindest letzterer Traum endlich wahr werden würde! Sie wusste auch schon genau, wie sie ihr Buchcafé nennen würde:
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