
Kapitel 2
Ein Zauberer kommt nie zu spät
Dienstag, 21. November
Manche mochten es kitschig nennen, aber für Gwendolyn war London ab Mitte November einfach zauberhaft. Dann funkelte die Metropole in magischem Lichterglanz. Sie lockte mit vielen gemütlichen Weihnachtsmärkten, man lief Schlittschuh im Hyde Park oder wärmte sich nach einem ausgiebigen Shopping-Bummel durch die verschneiten Straßen in einem Café oder urigen Pub auf.
Hier im beschaulichen Stadtteil Notting Hill im Nordwesten Londons war der Kitschfaktor nicht zuletzt durch die vielen leuchtenden Bonbonfassaden auf seinem höchsten Level. Die Menschen, die hierher kamen, waren unternehmungslustig, und spontan, sie liebten den Trubel in den Sträßchen und fühlten sich scheinbar erst in großen Menschenmengen richtig wohl.
Gwendolyn Shakespeare war das genaue Gegenteil.
Sie liebte Ruhe, war bescheiden, genügsam, herzlich, hilfsbereit, strebsam, ehrgeizig; mit Sicherheit trafen noch weitere dieser tugendhaften Adjektive auf sie zu. Ihre größte Leidenschaft aber waren neben Chai-Tee mit Honig und einer ordentlichen Milchschaumhaube: BÜCHER! Bei einer Buchhändlerin eigentlich nicht sehr verwunderlich...
Die neumodischen Buchläden, in denen grelle Neonröhren unter der Decke die Kunden drängten, ihre Einkäufe schnellstmöglich zu erledigen, waren für Gwen daher ein Graus. Gewinnorientierte Geschäfte, die sich nicht einen Wimpernschlag dafür interessierten, den Kunden ihre Wünsche von den Augen abzulesen waren ihr zutiefst zuwider. Die Mitarbeiter verkauften den gutgläubigen Einkaufslämmchen alles, was diese gar nicht benötigten. Gwendolyn tat das nicht. Sie fand in netten Gesprächen für jeden genau die richtige Lektüre. Auch wenn sie dafür schon oft von ihrer ehemaligen Chefin ermahnt worden war, das Geschwätz mit den Kunden zu unterlassen.
Stress war auch etwas, das sie von Herzen ablehnte. Doch es war schwierig, sich keinen zu machen, wenn man dem Renovierungsplan hinterherhinkte. Also nutzte sie jede freie Minute, denn sie konnte es kaum erwarten, endlich aus den zwei Zimmern ihrer Dachgeschosswohnung auszuziehen. Sie waren zwar gemütlich, aber auch sehr eng.
Voller Tatendrang machte sie sich an diesem Montagnachmittag auf den Weg. Vom trübgrauen Himmel wirbelten wilde Flocken um sie herum, und ein stürmischer Wind blies ihr wütende Böen ins Gesicht. Sie stemmte sich gegen den Sturm. Die kleinen Eiskristalle prickelten unangenehm auf ihren Wangen. Aufgeben? Ein Taxi rufen?, schoss es ihr durch den Kopf, Niemals! Nein Gwen, du schaffst das! Der Laden wartet.
Außerdem hatten ihr ihre Eltern genug Willenskraft und Durchhalte-vermögen mit in die Wiege gelegt: Ihre Mutter Holly gab als freiberufliche Bühnenbildnerin bei Produktionen im London Theatre und Globe Theatre im Süden Londons den Ton an. Ihr Vater Burdon Shakespeare war Journalist und Drehbuchautor, der aus denkbaren Namensgründen seine Werke unter einem Pseudonym schrieb.
Gwendolyn setzte einen Schritt vor den anderen. Drei Jahre lang war sie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an dem alten Stadthaus vorbeigekommen. Von niemandem beachtet hatte es schon Jahrzehnte zwischen den bunten Geschäftshäusern sein Dasein gefristet. Die Fassade erinnerte sie immer an eine Buchhandlung aus dem London, das Sir Arthur Conan Doyle in seinen Kriminalromanen beschrieben hatte, obwohl es (soweit sie sich erinnern konnte) früher einmal eine Konditorei oder Confiserie gewesen war. Oberhalb der Eingangstür, die zwischen den beiden großen Schaufenstern etwas nach innen versetzt war, erkannte man noch auf einem wettergebeugten Holzschild die Schatten großer, schmaler Lettern ihres einstmaligen Namens The Sweet Kiss. Darüber ragte eine verschnörkelte Halterung aus der Wand, an der früher vermutlich ein Schild im Wind geschaukelt hatte.
Trotz seines desolaten Zustands hatte das Haus Gwendolyn magisch angezogen. Wenn Passanten schnellen Schrittes achtlos an ihm vorbeigelaufen waren, war sie ganz nah an die mit Zeitung beklebten Fenster getreten und hatte durch die Ritzen des Papier gelugt. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie ihren eigenen Laden einrichtete, wie die Kunden durch die Regalreihen flanierten, wie sie an kleinen Cafétischchen einen dampfenden Tee tranken und dabei in fantastische Buchwelten eintauchten. Dieses alte Stadthaus war der perfekte Ort dafür, denn es strahlte genau den Charme vergangener Zeiten aus, der einem das Herz wärmte.
Gwendolyn konnte es immer noch kaum fassen, aber dieser Traum wurde nun Wirklichkeit! Sie hatte das Haus kaufen können, hatte ihren wenig geliebten Job bei Billion Big Books gekündigt und sofort begonnen, ein Ladenkonzept auszuarbeiten; insbesondere für Events und Workshops, die sie bereits im Dezember würde anbieten wollen.
Vor drei Wochen nahmen die Renovierungsarbeiten Fahrt auf, und es hatte sich seitdem einiges getan: Die Fassade durfte ihren verstaubten Mauerblümchen Look ablegen. Sie erstrahlte nun schon von Weitem in einem leuchtenden Pink und die Fensterrahmen in Dunkelrot. Innen gestalteten sich die Arbeiten schwieriger. Doch davon ließ sich Gwendolyn nicht beeindrucken. Sie hatte sich fest in den Kopf gesetzt, ihr Buchcafé schon in zwei Wochen, am 2. Dezember, zu eröffnen; und was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, schaffte sie für gewöhnlich.
Nachdem sie sich eine Viertelstunde tapfer durch den Sturm gekämpft hatte, schlüpfte Gwendolyn dankbar und erschöpft in den schmalen Eingang zwischen den Schaufenstern. Sie fühlte sich wie eine Polarbärin in ihrer Höhle. Das Schneetreiben hing wie ein weißer Vorhang vor dem Vordach. Langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Mit einem freudigen Kribbeln drehte sie sich um und schloss die Ladentür auf. Sie drückte gegen den breiten, hölzernen Griff und die Tür schwang auf.
Huch!, entfuhr es Gwendolyn überrascht, denn die Glöckchen über ihr klingelten in wilder Melodie.
Einen Moment später gaben sie wieder Ruhe, und die Tür schloß den Sturm mit seinem Toben und Tosen draußen aus. Nun erfüllte eine angenehme Stille den Raum. Mantel, Mütze und den dicken roten Schal, den Olivia liebevoll das Wollmonster nannte, hängte sie über eine Trittleiter. Auf ihren Wangen und der Nasenspitze breitete sich eine brennende Hitze aus, die sie ignorierte. Sie hockte sich hin, und fuhr mit den Fingern einer Hand über den Boden. Feine hellbraune Flocken stoben auf. Ihre Mom hatte gestern, das Parkett zu schleifen, das in wunderschönem Fischgrät meisterhaft verlegt war. Ein Können, das heutzutage nicht mehr viele Handwerker beherrschten. Die zahlreichen Kratzer, Risse und die dicke Staub- und Spanschicht, die immer noch auf dem Holzboden ruhte, nannte Gwendolyn liebevoll einzigartige Spuren der Vergangenheit; das Vermächtnis der vielen Kunden, die hier ein und aus gegangen waren. Jeder hatte einen winzigen Teil seiner eigenen Geschichte dagelassen, der zu dieser Wohlfühlatmosphäre beitrug.
Draußen dämmerte es inzwischen. Ihre fleißigen Elfen hatten sich bereits mittags verabschiedet. Gwendolyn wollte sich nun noch den beiden, etwa gleich großen Wohnräumen in der oberen Etage widmen. Zwei hohe Fenster, die zu einem kleinen Innenhof zeigten, prägten die Räume.
In einem der Zimmer gab es zu Gwendolyns großer Freude sogar noch einen Kachelofen, und daneben an der Wand hing ein großer rechteckiger Goldrahmen mit Schnörkeln an den Ecken. Ihm fehlte die Rückwand, was aber nicht störte, umgab er doch einen hübschen Ausschnitt der ursprünglichen mit Rosenblüten auf pastellgelbem Grund verzierten Tapete, die sie noch nicht abgekratzt hatten. Sie betrachtete den Bilderrahmen und beschloss, dieses Kunstwerk genau dort hängen zu lassen, um ein kleines Stückchen Zeitgeschichte zu bewahren.
Gerade als sie versuchte, an anderer Stelle einen besonders hartnäckigen Tapetenrest mit einem altersschwachen Spachtel zu bearbeiten, klingelten die Glöckchen der Eingangstür.
So ein Mist! Hab ich vorhin vergessen, die Ladentür zu schließen? Hoffentlich ist es kein Einbrecher! Gwendolyns Herz begann, schneller zu klopfen. Sie sah sich nach etwas um, das sie zur Not als Waffe verwenden konnte, und fand den Griff einer Farbrolle, den sie an seinem Metallende packte. Das musste reichen.
Auch, wenn ihr das Herz bis zum Kinn wummerte, stieg sie vorsichtig die Wendeltreppe hinab. Plötzlich mischte sich der schwere Duft von Lavendel unter das Holzaroma. Als sie fast unten war, fand ihr Blick eine Person, die mitten im Laden stand. Eine sachte Schneeschicht bedeckte den Saum, die gebeugten Schultern und die große Kapuze ihres dunklen Umhangs. Gwendolyn blieb wie angewurzelt stehen; das war die gruselige Gestalt im Sturm!
Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie dürre Finger den weiten Umhang öffneten und den üppigen Stoff vom Kopf striffen. Zum Vorschein kam ein hübsch frisierter Dutt aus grauem Haar auf einem schmalen Kopf, und Gwendolyn atmete erleichtert aus.
Du hattest nicht wirklich Angst vor einer alten Frau, Gwen? Fast musste sie über sich selbst lachen. Sie trat die letzten Stufen herunter.
Als die ältere Dame sie bemerkte, beäugte sie sie erst neugierig und kam dann ein paar kleine Schritte auf sie zu. Begleitet vom leisen, dumpfen PLONG ihres Gehstocks. Sicher war sie groß, doch sie ging leicht nach vorn gebeugt. Ihre Kleidung unter dem Umhang erinnerte Gwendolyn an Mary Poppins; Eine weiße, hochgeknöpfte Bluse mit gerüschtem Stehkragen und dazu ein dunkelblauer, bodenlanger Rock. Um ihren Hals hing eine lange Silberkette, an der auf ihrer üppigen Oberweite ein ovales Medaillon ruhte. Neben dieser eleganten Erscheinung fühlte sie sich in ihren verdreckten Arbeitssachen wie Aschenputtel.
„Entschuldigen Sie, der Laden ist nicht geöffnet. Wir renovieren gerade. Kann ich ihnen helfen?", machte Gwendolyn den Anfang und lächelte die Fremde freundlich an.
Die Kieselaugen der Frau versahen sie mit tadelndem Blick, der ihr eine Gänsehaut unter ihren Pulloverärmeln verursachte, und der rote Spitzmund stellte ungerührt fest: „Sie können mir wohl kaum helfen, Kindchen."
„Bitte? Wie meinen Sie das?"
„Ich meine, dass das", die Fremde stütze sich mit einer Hand auf ihren Gehstock und machte mit dem freien Arm eine ausladende Bewegung, „was Sie hier tun, falsch ist."
„Falsch?" Gwendolyn war verwirrt und ließ endlich den Farbrollengriff sinken.
„35 Jahre war dies die Konditorei meines Mannes...", polterte die Dame drauf los, „und sie machen jetzt daraus ...?" Sie hob mit fragendem Blick und blitzenden Augen das faltige Kinn.
„Eine Buchhandlung mit Café", antwortete Gwendolyn wahrheits-gemäß und beäugte die Frau, von der sie nicht wusste, was sie von ihr halten sollte, skeptisch. Irgendwie machte sie ihr sogar ein wenig Angst. Obwohl sie doch eigentlich wie eine nette alte Dame aussah.
„Eine Buchhandlung!", die Alte spieh das Wort so abfällig wie einen widerwärtiges Insekt aus und riss entsetzt die Augen auf. „Der ganze Staub überall... womöglich wollen sie auch noch..."
„Hören Sie, Mrs..."
„Bennet, Ophelia Bennet", wurde Gwendolyn belehrt, als hätte sie dies bereits wissen müssen.
Sie versuchte es auf die beschwichtigende Art. So, wie sie es bei unzufriedenen Kunden in der Buchhandlung mit einem Lächeln und netten Worten immer geschafft hatte: „Mrs. Bennet, ich verstehe, dass das eine große Umstellung für Sie sein muss. Es hängen sicher noch sehr viele Erinnerungen an diesem Haus. Aber sehen Sie, ich habe es gekauft und..."
„Mein Mann hat die Regale bei einem Schreiner in Auftrag gegeben." Mrs. Bennets Stimme war mit einem Mal sanfter, aber nicht unsicher. Mit einem wehmütigen Lächeln schüttelte sie den Kopf. Dabei schwankten die langen Silberohrringe mit den blutroten Steinchen hin und her.
Gwendolyns Puls beruhigte sich ein wenig und sie folgte dem Blick der alten Frau hinüber zu den hübschen Blätterranken, die in die Seiten- und Kopfteile ins dunkle Holz geschnitzt worden waren. „Sie sind wunderschön."
„Tja, das nützt meinem Mann jetzt auch nicht mehr. Er ist tot", stellte Mrs. Bennet ungerührt fest. „Was soll denn draußen bitteschön dieses impertinente Pink? Ist das hier ein Freudenhaus? Und wie es hier aussieht! Das reinste Chaos... der ganze Dreck! Und die Fenster müssen auch mal wieder geputzt und die Rahmen lackiert werden! Kindchen, du bist offenkundig nicht die Ordentlichste."
Gwendolyn stand der Mund offen. Ist das hier real oder befinde ich mich in meinem schlimmsten Albtraum? Sie kniff sich kurz in ihren Oberarm und versuchte es behutsam: „Mrs. Bennet, ich bedaure Ihren Verlust sehr. Aber, wenn Sie mich jetzt bitte weiterarbeiten lassen könnten?"
Doch die alte Dame schnaubte nur und lachte spitz: „Kindchen, das kannst du auch gleich sein lassen! Du bist doch noch viel zu jung, um ein eigenes Geschäft zu eröffnen."
„Was erlauben Sie sich? Ich bin schon 25." Gwendolyn glaubte, sich verhört zu haben, doch Mrs. Bennet war noch nicht fertig.
„Zu meiner Zeit waren junge Mädchen deines Alters schon längst unter der Haube, haben ihren Gatten umsorgt und ihm ein schönes Leben bereitet. Es wundert mich nicht, dass eine graue Maus wie du es noch nicht geschafft hat, einen jungen Mann für sich zu erwärmen."
„Aber, das ist doch...!" Gwendolyn fehlten schlicht die Worte. „Sicher hast du noch nichts von der Sage gehört, die man sich hier im Viertel erzählt?" Mrs. Bennet warf ihr einen amüsierten Blick der Altersallwissenheit über den Rand ihrer Brille zu. „Im 19. Jahrhundert wollte der Konditormeister, der in diesem Haus lebte, einer Bettlerin etwas Gutes tun und fragte sie, was sie sich wünsche. Sie sehnte sich nach einem Kuss unter dem Mistelzweig, und als er einwilligte, verwandelte sie sich in eine wunderschöne Frau. Denn sie war eine Zauberin. Tief erfüllt von ihrem eigenen Liebesglück belegte sie dieses Haus mit einem Liebesbann, der bis heute Fluch und Segen zugleich für so manchen Bewohner ist: Fortan habe nur der Erfolg in diesem Haus, der seine wahre Liebe bis zum 24. Dezember hier am Torbogen unter einem Mistelzweig küsst." Jetzt straffte Ophelia Bennet die schmalen Schultern und zitierte feierlich: „Das Glück ist dem hold, der öffnet sein Herz und lasset halten der Liebe Einzug. Doch wem es misslinget, trägt fortan der Bettlerin Pechgewand."
Gwendolyn stand immer noch reglos an der Treppe. Bis hierhin hatte sie zugehört, ohne ein Wort zu sagen. Aber in ihrem Innersten brodelte es. Ein Kindermärchen? Meint sie das ernst? Wer glaubt denn an sowas? Wie zum Kitschroman werde ich die alte Frau wieder los, damit ich endlich weiterarbeiten kann?
„Was wollen sie von mir, Mrs. Bennet?", fragte sie gerade heraus und wider ihre Natur ohne jeden Anflug von Freundlichkeit.
Die alte Dame kam mit einigen Trippelschritten auf sie zu. Sie verengte die Augen zu Schlitzen: „Kindchen, hast du gerade auf deinen Ohren gesessen? Lass mich dir noch einen kleinen Anreiz geben, damit du meine Warnung ernst nimmst: Eine kleine Wette um die Buchhändler- und Konditorenehre."
Gwendolyn und seufzte ergeben. Warum ging Mrs. Bennet nicht einfach und ließ sie mit diesem Humbug in Frieden?
„Ich bin ganz ehrlich. Weder glaube ich, dass du es schaffen wirst, noch vor Weihnachten diese Buchhandlung zu eröffnen, noch dass du deine wahre Liebe unter dem Mistelzweig küsst!" Die Alte hatte dabei die Kühle einer abgebrühten Geschäftsfrau an der Wallstreet. „Schaffst du es aber widererwarten doch", jetzt hob sie einen knochigen Zeigefinger, „dann vermache ich dir einen echten Schatz: Das Rezept für das Gebäck, mit dem mein Mann in Notting Hill in aller Munde war: Seine Variante der Richmond Maids. Ein traditionelles Gebäck aus Blätterteig mit einer geheimen Füllung. Er nannte sie Bennet Maids. Viele haben versucht, das Rezept zu kopieren, aber es nie geschafft. Alle glauben, das Rezept sei verschollen, aber ... Hugh hat es an einem sicheren Ort versteckt." Ihr dürrer Finger wackelte in der Luft und ihr Spitzmund formte sich zu einem süffisanten Grinsen. „Nun, Kindchen, fühlst du dich so einer Wette überhaupt gewachsen?" Sie setzte sich mit theatralischem Schnauben die weite Kapuze auf und schloss den Umhang über den Rüschen an ihrem Hals.
„Das tue ich", hörte Gwendolyn sich selbst in einem Anflug von irrationaler Euphorie und Wut sagen.
Derweil war die alte Dame begleitet vom Gehstock-Plong zur Ladentür getrippelt und hatte sie geöffnet. „Schließ besser ab, wenn du gehst, Kindchen. Die Zeiten sind andere geworden!", sagte sie noch, bevor sie durch die Tür in der Dunkelheit verschwand.
Ihre Worte hallten in Gwendolyn nach. Eine Wette? Bin ich übergeschnappt? Ist das gerade wirklich passiert? Oder ist Mrs. Bennet eine Verrückte, die aus dem Altenheim ausgebüxt ist?
Sie stand noch einen Moment reglos da. Die einzig verbliebene Gesellschaft war der Farbrollenhalter in ihrer Hand und eine unwirkliche Stille. Kopfschüttelnd ging sie zur Ladentür und drehte den Schlüssel gleich zweimal herum. Sie wollte keinesfalls an diesem Abend noch eine Überraschung dieser Art riskieren.
Als Gwendolyn nach dieser seltsamen Begegnung etwas zur Ruhe kam, wurde ihr plötzlich bewusst: Vorausgesetzt, die Sage um den Liebesbann, ist wahr, und vorausgesetzt, ich würde an dieses Märchen glauben, dann habe ich ein Problem: Ich habe keinen Freund!
Das versetzte ihr einen Stich ins Herz. Woher sollte sie ihre große Liebe nehmen, wenn sie sie bisher nur in Büchern gefunden hatte?
Als sie sich umdrehte, stutze sie. Auf dem Boden vor ihren Füßen lag ein Stück einer alten Zeitungsseite.
Hat der Wind es vorhin hereingeweht? Sie klaubte das Papier vom Boden und las vom Gewinnspiel einer Buchhandlung. Es sollte das Buch, sowie der Autor eines Zitats erraten werden, das ihr sehr bekannt vorkam: „Ein Zauberer kommt nie zu spät, Frodo Beutlin. Ebensowenig zu früh. Er trifft genau dann ein, wann er es beabsichtigt." Ohne Zweifel waren diese Worte von J.R.R. Tolkien dem Zauberer Gandalf in den Mund gelegt worden. Es war ein Zitat aus dem Herrn der Ringe, Die Gefährten.
Sie steckte den Zettel in die Hosentasche und schrieb das Zitat später in ihr Notizbuch. Denn sie hatte das Gefühl, dass es etwas mit dem Auftauchen der skurrilen Dame zu tun hatte...