Blog > Weihnachtsroman ❤︎ Kapitel 3

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Legende der Mistelzweigküsse, Weihnachtsroman, Christmas Lovestory, Romance

Kapitel 3
Mittwoch, 22. November

„Du hast mit Grumpy Granny eine Wette abgeschlossen?“ 

War das etwa Begeisterung, die Gwendolyn in Olivias heute tief schwarz umrandeten Augen aufblitzen sah? Das helle Blau leuchtete dadurch umso intensiver und verlieh ihr etwas Mystisches und Hexenhaftes.

„Nenn´ sie nicht so. Es war eine emotional etwas erregte alte Dame.“ Oder eher verrückt? Sie war sich immer noch nicht sicher, behielt es aber für sich und fuhr fort, das dunkle Holz der Regalböden mit einem weichen Tuch zu ölen. 

Olivia stemmte die Hände in die Lauchhüften, die man unter ihrem schwarzen Arbeitsensemble aus Cargohose und dickem Hoodie, nicht erkennen konnte. Gwendolyn war froh, dass sie ihrer Freundin den überbordenden Goth-Schmuck um Hals und Handgelenken hatte ausreden können, solange sie bei der Arbeit waren. Das ständige Geklimper hätte alle noch an den Rand des Wahnsinns gebracht. Allerdings hatte Olivia als Kompromiss darauf bestanden, die Schweißerbrille weiterhin zu tragen; schließlich war sie ihr Haargummi-Ersatz und bei den Schleifarbeiten sehr praktisch. Da konnte Gwendolyn nur zustimmen.

„Sie vermisst ihren Mann, schön und gut, das tut mir auch leid. Aber deswegen so eine Szene abzuziehen? Und als großen Gewinn kündigt sie ein Rezept an? Das ist alles schon sehr schräg, findest du nicht?“ 

Gwendolyn dachte kurz über Olivias Worte nach. Zuletzt war sie einfach nur genervt gewesen, weil Mrs. Bennet ihr mit ihren Beleidigungen und abstrusen Geschichten die Zeit zum Arbeiten geraubt hatte.
„Hätte ich es nicht getan, wäre sie wohl nie gegangen… vielleicht schmeckt das Gebäck ja ganz gut", stellte sie dann nur knapp fest. Im Nachhinein empfand sie doch Mitgefühl für die alte Dame. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie sehr es schmerzen musste, wenn die große Liebe, mit der man sein Leben verbracht hatte, von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war.

„Sie traut dir also weder zu, den Laden rechtzeitig zu eröffnen, noch endlich einen Freund zu finden?“ 

Gwendolyn hatte sehr wohl die Betonung auf dem Wort endlich wahrgenommen, ging aber nicht darauf ein und nickte nur. Ihr zweiter großer Herzenswunsch, endlich die große Liebe zu finden; Gwendolyn wusste einfach nicht, wie sie es anstellen sollte. Ein Freund. Das war definitiv ihr wunder Punkt. Es war zum verzweifeln! 

Und nun sollte sie wegen dieser Wette in nur wenigen Wochen den Mann fürs Leben finden, um nicht zu riskieren, dass ihr ein Fluch aus einem Kindermärchen den Erfolg ihres Buchcafés wieder zu Nichte macht? Ihr schwirrte der Kopf. Nein! Was für ein Blödsinn! Das lenkt dich nur von Deinen Plänen und Zielen ab, Gwen! 

Ihr Plan, in einer Woche umzuziehen und dann ihren Laden zu eröffnen, stand eh schon auf wackeligen Beinen, denn bis dahin war noch so viel zu tun: Olivias und ihr Part war das Ölen der Regale, der Theke und der schmalen Treppe dahinter, die in die obere Etage zur Küche führte. Ihre Mom wollte das Parkett weiter schleifen und ihr Dad den großen Verkaufsraum und die Wohnräume darüber streichen.

„Ein Lesezeichen für deine Gedanken, Cap!“

„Wie?“, Gwendolyn schreckte aus ihren Überlegungen auf. Capital Letter, kurz Cap. Das war Olivias Spitzname für sie. Warum ihre Freundin sie schon seit ihrer Schulzeit als Großbuchstaben bezeichnete, war ihr zwar schleierhaft, aber ihre beste Freundin war von ihrer perfekten Wahl überzeugt. Es konnte keinen besseren Spitznamen für einen so großen Bücherfreund wie Gwendolyn geben. Aber sie beschwerte sich nicht, denn Olivia war mit ihrem Nachnamen ›Popkiss‹ schon gestraft genug.

„Du polierst minutenlang an ein und demselben Regalbrett herum. Welche unhöfliche alte Dame ist dir nun schon wieder durch die Gedanken gelaufen?“, feixte Olivia und setzte eine Unschuldsmiene auf, während sie die Deckplatte der Theke mit Öl beträufelte. 

„Ich werde ganz bestimmt nicht auf diese Wette eingehen. Das ist doch alles ein ausgemachter Nonsens! Außerdem glaube ich nicht an solche Sagen mit Flüchen und Liebesschwüren", brach es nun doch aus Gwendolyn heraus. Es ärgerte sie, dass sie der merkwürdigen Begegnung so viel Bedeutung beimaß. ausmachte. Sie drehte sich zu ihrer Freundin und wedelte mit dem Tuch in ihre Richtung. „Angenommen… nehmen wir nur mal an, ich würde diese irrwitzige Wette ernst nehmen, wie weiß ich denn, ob ich tatsächlich meine wahre Liebe küsse?“

„Du testest einfach mehrere Männer", kam die prompte Antwort begleitet von Schulterzucken.
Gwendolyn stieß einen verächtlichen Schnauber aus. „Soll ich mir den Mund wund knutschen?“ Jetzt musste sie selbst über diese Vorstellung schmunzeln.

„Ich bin mir sicher, dass du wissen wirst, wann es der Richtige ist. Bestimmt explodiert dann ein Feuerwerk!“, Olivia gestikulierte begeistert mit den Armen in der Luft. Dabei schwenkte sie ihren Öllappen.

„Oder die Hexe aus dem Märchen erscheint und gibt uns unseren Segen… so ein Quatsch! Ich habe wirklich gerade wichtigere Dinge zu tun, als mich um mein Liebesleben oder einen Liebesbann zu kümmern, der angeblich seit Jahrhunderten auf meinem Haus liegt!“ Gwendolyn hob mit gespielter Furcht die Hände.

Doch Olivia riss erschrocken die Augen auf, lehnte sich über die Theke und flüsterte: „Du solltest das nicht so abtun… Weißt du noch, was meiner Tante väterlicherseits passiert ist?“

Statt einer Antwort schenkte Gwen ihrer Freundin nur einen genervten Deine-Geschichte-ist-besser-gut-Blick. 

Pinkie Popkiss!“, fuhr Olivia ungerührt fort, „Nebenbei: Wessen Eltern geben ihrem Kind einen so schrecklichen Vornamen? Jedenfalls war sie ein Bild von einer Frau! Eine feine Dame, gertenschlank, glänzendes Haar und ein strahlendes Lächeln. Für meinen Geschmack etwas zu offenherzig, aber viele Männer flogen darauf.“

„Komm´ zum Punkt, Oli!“

„Ja doch! Auf einem dieser Jahrmärkte aus den 1970er Jahren sagte eine Wahrsagerin ihr voraus, dass sie endlich den Mann fürs Leben treffen würde. Dafür müsste sie nur in die nächste Gondel des Riesenrads steigen. Wenn nicht, würde ein großes Unheil über sie hereinbrechen.“ Olivia machte eine Pause und massierte die Öltropfen gleichmäßig in die Thekenplatte ein. Das machte sie doch extra! Gwendolyn kribbelte es in den Fingern, denn ihre Freundin hatte ein meisterhaftes Talent dafür, Spannungsbögen zu erzeugen. Im Grunde liebte sie die Geschichten, die Olivia erzählte; vor allem die gruseligen, wenn sie als Kinder gemeinsam übernachtet hatten. Daher versuchte sie möglichst beiläufig zu fragen: „Und? Wie war die Fahrt mit dem Riesenrad?“

Olivia hielt in der Bewegung inne: „Sie ist eben nicht in die Gondel gestiegen! So gern sie an eine schicksalhafte, neue Liebe geglaubt hätte, hielt sie das Geschwafel der Wahrsagerin für ausgemachten Blödsinn und hatte zudem noch furchtbare Höhenangst!“

„Lass mich raten: Es passierte rein gar nichts, weil die Wahrsagerin die Frau des Riesenradbetreibers war und sie auf diese Art neue Kundschaft heranlockte.“

Ihre Freundin schüttelte tadelnd mit der Zunge schnalzend den Kopf. „So viel Unglaube… Als der Jahrmarkt schloss, machte sie sich auf den Nachhauseweg. Es war bereits dunkel und begann wie aus Kübeln zu schütten. Der Regen durchnässte ihre vornehme Kleidung in kürzester Zeit bis auf die Haut. Sie bemühte sich, nach einem Taxicab zu rufen. Dabei hüpfte ihr ihr Schoßhündchen Hector vom Arm und wurde von einem Auto überfahren!“

„Das ist wirklich eine schlimme Geschichte“, bedauerte Gwendolyn, zuckte dann aber mit den Schultern, „Es war einfach eine Verkettung unglücklicher Umstände.“

„Na schön.“ Olivia legte den Lappen beiseite, schlüpfte entschlossen in ihren langen Mantel und zog die weite Kapuze über die grüne Vogelnestfrisur und die Schweißerbrille. Mit einem knappen „Bin gleich wieder da!“ war sie auch schon durch die Ladentür verschwunden. Es war müßig, sich ständig zu fragen, was ihre Freundin wohl im nächsten Moment vorhatte. Das konnte niemand sagen. Also ölte Gwendolyn weiter die Wandregale und hoffte, ihre Eltern würden gleich die versprochenen Lichterketten für die Decken hier im Vorraum mitbringen. Die Beleuchtung bestand derzeit noch aus ein paar nackten, herabbaumelnden Glühlampen. Immerhin erleuchteten sie den Raum genug, um gut arbeiten zu können und gleichzeitig das trübe Grau des Tages draußen zu halten.

Einige Minuten später kündigten die Glöckchen Olivias Rückkehr an. Sie schüttelte sich ein paar Schneeflocken von den schmalen Schultern und legte eine grüne Papiertüte auf dem Verkaufstresen ab. Während sie ihren Mantel auszog schnaufte sie: „Cap, meine Süße, du kannst dich noch so lange dagegen wehren… Wann war doch gleich dein letztes Date?“

Gwendolyn stöhnte und verdrehte die Augen.

„Ja genau! Viel zu lange her! Und deshalb“, Olivia zog aus dem Papiertütchen ein mit einem roten Schleifenband zusammengebundenes Sträußchen Mistelzweige mit weißen Beeren, „hänge ich die jetzt auf. Was hast du zu verlieren?“ Sie rückte die kleine Trittleiter unter dem Torbogen zurecht und befestigte das Schleifenband an einem Nagel mittig oberhalb des Holzrahmens, der genau dafür gemacht schien. Zufrieden begutachtete Olivia dann von unten ihr Werk, legte Gwendolyn den Arm um die Schultern und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. „Ich steh´ total auf solche Fluchgeschichten.“

„Ich weiß“, seufzte Gwendolyn mit einem ergebenen Lächeln. Sie glaubte immer noch nicht an einen uralten Fluch. Zumindest sah der Zweig im Raum sehr dekorativ aus. 

„Jetzt mach´ mal lieber weiter!“ Sie drückte Olivia deren Lappen in die Hand. „Sonst verliere ich auch noch Teil 1 der Wette.“

⭐︎

Wenig später klingelten die Glöckchen fröhlich und Gwendolyns Eltern traten ein. Somit war das Handwerkerquartett wieder komplett. Holly leuchtete heute wie ein Warnschild, denn ihre Latzhose war in einem grellen Neonorange, mit pinken Applikationen. Gerade schleppte sie ein längliches Gerät mit puscheliger Scheibe am unteren Ende.

„Was ist das denn?“

„Damit wird der Holzboden poliert, aber erst wird fertig geschliffen“, erklärte ihre Mom fachmännisch.

Burdon Shakespeare hievte derweil Farbeimer herein. Er war kräftig, aber nicht unsportlich. Normalerweise trug er Jeans und dazu einen gediegenen Strickpulli. Für die Renovierungsarbeiten hatte er sich extra eine Cargo-Hose, ein Hemd und eine gefütterte Jacke im Holzfäller-Look besorgt. In diesem Outfit und mit seiner dunkelblauen Schiffermütze, die er nie vergaß, erinnerte er Gwendolyn an einen Hafenarbeiter.

„Stell sie bloß nicht auf dem blanken Boden ab!“, ermahnte ihn seine Frau und breitete ein Malerfließ zu seinen Füßen aus. 

Während ihr Dad noch das restliche Material aus dem alten Geländewagen holte, drehte Holly das nostalgische Kofferradio auf, das sie ihrer Tochter geschenkt hatte. Schon erfüllten weihnachtliche Melodien den Raum. Auch wenn Gwendolyn normalerweise angenehme Stille vorzog, war es jetzt bei ihren Renovierarbeiten eine schöne Abwechslung, dass ihre Mutter Leben ins Haus brachte.

Wenig später spannte Holly die Lichterketten in Bögen kreuz und quer zwischen die alten Holzbalken unter der Decke. Bis ein Elektriker sie in den nächsten Tagen ans Stromnetz anschloss, sollten mehrere Mehrfachsteckdosen reichen, um das Lichtkonzept zu testen.

„Alles verkabelt!“, verkündete Olivia, und Gwendolyn betätigte die Sicherheitsschalter. Über ihnen erstrahlten hunderte glitzernde Lichter und tauchten den Raum in warme Gemütlichkeit. Oh holy night, the stars are brightly shining! klang gerade Emer Barrys bezaubernde Version des Weihnachtsklassikers aus dem kleinen Lautsprecher. Gwendolyn sah mit einem Lächeln zu, wie sich ihre Eltern in den Arm nahmen und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als jemanden an ihrer Seite, der ihr ebensolch tiefe Zuneigung schenkte.

„Sieh mal“, Holly zeigte empor zum Mistelzweig, unter dem sie standen. Burdon, der einen guten Kopf größer war als seine Frau, lächelte verliebt auf sie herab und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

Gwendolyn räusperte sich und sagte mit gespielter Entrüstung: „Kind anwesend! Bitte…“ weiter kam sie nicht, denn mit einem Klack! standen alle im Dunkeln, und auch das Radio gab keinen Mucks mehr von sich. Heiliger Bimbam! Das war offensichtlich zu viel weihnachtlich-romantische Atmosphäre für die alten Sicherungen.

„Oli, nimm die Lichterketten bitte wieder vom Strom. Bis der Elektriker kommt, müssen wir uns wohl noch mit der alten Beleuchtung begnügen.“ Sie klaubte eine Taschenlampe aus einer Werkzeugkiste und stieg die knarrende Holztreppe, die sich hinter der Wendeltreppe befand, in den Keller hinab. 

Hier unten roch es so unangenehm muffig und moderig wie in Grandmas Kartoffelkeller, in den sie als Kind nur sehr ungern gegangen war. Außerhalb des runden Lichtkegels der Taschenlampe, der über die rauen Steinwände glitt, lauerten unheimliche Schatten hinter jeder Ecke. 

Als Gwendolyn den Flur betrat, standen ihr die Nackenhaare zu Berge und ihr Herz begann zu pochen. Bei jedem Schritt, den sie tat, fühlte sie sich beobachtet. Als ob die Geister der vergangenen Weihnacht jeden ihrer Schritte bewachten und nur darauf warteten, dass sie einen Fehler machte. Natürlich befindet sich der Sicherungskasten am Ende des Flurs; ein Tunnel des Horrors im Kabinett des Schreckens!, dachte sie mit einem Seufzer. 

Rechts und links von Gwendolyn gähnten aufgerissene Mäuler in den rußgeschwärzten Wänden. Als sie ihren Schritt beschleunigte, kam sie sich sehr kindisch vor, aber solche Ängste ließen sich leider nicht wie ein Schalter an- und ausknipsen. Wie sie gleich feststellen sollte, war es mit den Sicherungen ebenso problematisch. Sie hatten (wie auch die Verkabelung hier im Haus) sicher noch das viktorianische Zeitalter erlebt! An einem Porzellanknauf öffnete Gwendolyn die Tür eines Holzkastens. Darin gab es keine Schalter. Nur eine rechteckige, schwarze Metallkiste, von der nach oben und unten Kabel abgingen und neun Steckplätze mit Windungen, in die die Sicherungen eingedreht wurden. In einer kleinen Kommode darunter fand sie in einer Schublade zum Glück Ersatzsicherungen, die sie nun mit den durchgebrannten tauschte.

Die alten Sicherungen ließ sie in die Tasche ihrer Arbeitshose gleiten und ertastete etwas darin. Es war ein Stück Papier. Der Zettel mit dem Zitat! Sie hatte es gestern Abend vergessen, in ihr Notizbuch zu schreiben. Mit dieser Art von Tagebuch hatte sie vor langer Zeit begonnen, weil ihr diese besonderen Worte schon immer Hoffnung und Trost gegeben hatten. 

Als sie die Stufen nach oben erklomm, spürte Gwendolyn plötzlich eine seltsame Verbindung zwischen dem Zitat und den Ereignissen des gestrigen Tages. Ein Zauberer kam darin vor, wie auch in der Legende, die ihr Mrs. Bennet vorgetragen hatte. Reiner Zufall? Aber was sollte Gandalfs Feststellung bedeuten, dass ein Zauberer immer genau zur richtigen Zeit einträfe? War Mrs. Bennet etwa eine Zauberin? Aber nein!, schmunzelte sie, schüttelte die düsteren Schatten des Kellers ab und setzte sich kurz auf die oberste Stufe. Aus dem Verkaufsraum vernahm sie nun wieder Schleifgeräusche. Offenbar funktionierte der Strom wieder und ihre Mutter kümmerte sich ums Parkett. Sie beeilte sich, den Eintrag in ihr Büchlein nachzuholen, und machte sich dann ebenfalls wieder an die Arbeit.

⭐︎

Drei Stunden später waren die Regale und der Verkaufstresen endlich komplett geölt. Ihr Dad hatte die Wohnräume in ihren Lieblingsfarben gestrichen; Altrosa für ihr Lesezimmer und das Schlafzimmer in einem sonnigen Gelb. Das gedeckte Pastellsalbeigrün verlieh den Wänden im Erdgeschoss etwas Herrschaftliches. 

Holly war mit dem Schleifgerät im hinteren Bereich rund um die Wendeltreppe in den letzten Zügen, und Gwendolyn gönnte sich eine Pause. Sie stand am rechten Schaufenster und blickte in das etwas verwackelte Spiegelbild der jungen Frau, die ihr ein wenig erschöpft entgegensah. Das rötliche, leicht gewellte Haar steckte in einem chaotischen Dutt, aus dem ein paar Strähnen entwischt waren. Sie mochte ihre schmalen, weichen Gesichtszüge, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und auch die kleinen Grübchen rechts und links ihrer Mundwinkel, die immer dann erschienen, wenn sie wie jetzt lächelte. Die haselnussbraunen Augen, wirkten durch die rot umrandete Brille noch strahlender. Vielleicht lag es aber auch an der Zufriedenheit, die sie in sich spürte. 

„Ich besorge uns mal eine kleine Stärkung“, verkündete sie.

„Hier, vergiss den nicht!“ Mit breitem Grinsen wickelte Olivia ihr das Wollmonster so um den Hals, dass sie kaum noch etwas sehen konnte.

„Danke, bestellen wird zwar schwierig, aber erfrieren werde ich sicher nicht.“ So trat Gwendolyn in die wirbelnden Flocken.

Ein paar Häuserecken weiter hatte sie vor einigen Tagen die Bäckerei Buns from the heart entdeckt. Sie hatten sich auf süße Sünden aus französischem Blätterteig spezialisiert: In luftig lockerem, goldbraun gebackenem Croissantteig ruhte eine buttrige Crème. Ihr Geschmack reichte von nussig, über schokoladig, zimtig bis fruchtig-süß. Die Garnituren waren streuselig, fruchtig oder sehr kreativ. Heißgetränke To-Go wurden ebenfalls angeboten. Gwendolyn entschied sich für zwei Buns mit Nutcracker-Chocolate-Chip und zwei mit Christmas-Cranberry-Candy Füllung und nahm für ihre Eltern noch zwei simple Milchkaffees und für Olivia und sich zwei Chai-Latte mit Honig mit. 

In ihrem eigenen Buchcafé plante sie, außergewöhnliche Mischungen anbieten, um sich von der Masse abzuheben. Wer würde schon mit einem langweiligen Getränk seinen stressigen Alltag vergessen können? Würde wohl Kaffee mit Cranberry-Sirup schmecken? Eventuell aber auch… Huch!

„Können Sie nicht aufpassen?!“, blaffte sie ein Mann an. In seinem blond-gelockten Haupthaar verfingen sich die ersten Flocken. Offenbar war er gerade zur Tür heraus, dabei in Gwendolyn hineingelaufen und nun damit beschäftigt, sich einen von ihren Milchkaffees von seinem weißen Hemd zu wischen. „Jetzt kann ich mich gleich noch einmal umziehen!“

Gwendolyn wich erschrocken einen Schritt zurück. „Oh, entschuldi-gen Sie bitte vielmals!“ 

Sie stellte das Papptablett mit den übrigen Bechern und dem Gebäck auf dem Rand eines Blumenkübels ab, trat auf ihn zu und versuchte etwas ungelenk und aus Mangel an Papiertüchern, mit dem einen Ende des Wollmonsters das Hemd des Fremden abzuwischen.

„Lassen Sie das, ich muss zurück in meinen Laden!“ Seine Arme wirbelten vor ihr herum, um ihre Hilfsbereitschaft abzuwehren.

Gwendolyn musste sich die dicken Schneeflocken aus den Augenwinkeln blinzeln, doch sie erkannte jetzt, dass sie vor dem Musikgeschäft Amadeus standen, das sich im direkten Nachbarhaus links neben ihrem Buchcafé befand.

„Dann sind sie…“

„Ganz und gar nicht erfreut!“, zeterte der Mann weiter.

„Mein Name ist Gwendolyn Shakespeare. Ich habe das Haus nebenan ge…“

„Shakespeare? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen! Ha! Sehr witzig! Gehören Sie zu diesem Renovierungstrupp?“, schnaubte er weiter.

Gwendolyn konnte nur stumm nicken, als er sich umdrehte und ihr noch über die Schulter zuwarf: „Dann sagen Sie den Verantwortlichen, dass sie den Geräuschpegel herunterschrauben sollen! Das ist ja nicht auszuhalten! Und die Rechnung von der Reinigung werfe ich Ihnen ein!“

„Bitte, es tut…“, stammelte Gwendolyn hinter dem Wollschal, während ihr Nachbar immer noch wetternd in der Tür seines Geschäftes verschwand.

Sie besorgte schnell einen neuen Milchkaffee und beeilte sich, wieder nach Hause zu kommen.

„Wo warst du so lange, Cap? Ich komme schon um vor Durst und Hunger!“, behauptete Olivia mit nach vorn geschobener Unterlippe und dem Blick eines Kindes, das um einen Lolli bittet. 

Gwendolyn reichte ihr lächelnd die Pappschachtel mit den Buns und verteilte die Becher. Sie setzten sich auf leere, umgedrehte Wasserkästen.

„Ich habe meinen Nachbarn kennengelernt. Aus dem Musikgeschäft nebenan“, erklärte Gwendolyn nicht ohne einen gewissen Unterton, der ihre Mutter hellhörig werden ließ. Holly kannte ihre Tochter einfach zu gut und versah sie mit einem wissenden Blick. „Dem Amadeus? Wie ist er?“, fragte sie und schob einen Träger ihrer leuchtenden Latzhose wieder auf die Schulter zurück.

Gwendolyn nickte. Nach einem Schluck Chai-Latte antwortete sie: „Einer so unfreundlichen Person bin ich im Leben selten begegnet. Er hat so laut gezetert; das hättet ihr eigentlich hier drin hören müssen!“

„Wieso? Was ist denn passiert?“, wollte Olivia wissen und biss so herzhaft in ihr Gebäck, dass die Schoko-Nuss-Crème auf den Fußboden tropfte. Schnell wischte sie den Klecks mit einem feuchten Lappen weg.

„Er war sehr wütend über den Lärm hier im Haus", berichtete Gwendolyn mit einem Gefühl von Unbehagen in ihrer Magengegend. Die Situation gerade war ihr unglaublich unangenehm.

„Wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Die Schleiferei hat ja bald ein Ende", lachte Holly, nahm einen Schluck Milchkaffee und schob sich eine gelockte Strähne zurück in ihren stürmischen Zopf. 

Gwendolyn war sehr dankbar für die beruhigende Art ihrer Mom. Schon oft hatte sie sich gewünscht, statt des nervösen Bauchkribbelns selbst mehr wohltuende Gelassenheit zu spüren.

„Womöglich ist er auch so aus der Haut gefahren, weil ich in ihn hineingelaufen bin und den Kaffee über sein weißes Hemd geschüttet habe…“

Als Olivia vor Lachen losprustete, hob Gwendolyn abwehrend die Hände und setzte schnell hinzu: „Ich habe mich sofort entschuldigt und wollte ihm mit seinem Hemd helfen, aber er ist in bester Grinch-Manier schimpfend ins Haus zurückgestampft.“ Sie lächelte verschämt.
„Das kann doch mal passieren! Noch lange kein Grund, so aus der Haut zu fahren!“, entrüstete sich Olivia jetzt und setzte dann schwärmerisch hinzu: „Probier mal, die schmecken göttlich!“

„Sicher ist er heute einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Sowas kennt doch jeder“, überlegte Gwendolyn und zuckte dabei mit den Schultern. Dann biss sie in das Gebäck, das Olivia ihr hinhielt, und verdrehte ebenfalls genüsslich die Augen. Der Keksstückchencrunch vermischte sich mit dem schokoladigen Nussaroma, das auf ihrer Zunge dahinschmolz.

„Der kriegt sich schon wieder ein“, winkte auch Burdon mit einer Handbewegung ab und rückte die Schiffermütze wieder zurecht, „Wenn ihr euch das nächste Mal seht, gibst du ihm einfach einen Kaffee aus und stellst dich ihm noch einmal vor.“ Er zwinkerte ihr zu und die kleinen Lachfältchen um seine Augen gaben ihr wie so oft das Gefühl, dass schon alles gut werden würde. „So, und nun wieder ran an die Arbeit!“ Er klatschte in die Hände und stand auf.

Gwendolyn sah es genauso wie ihr Vater. In der Ruhe lag die Kraft und ihr nächstes Zusammentreffen mit ihrem Nachbarn würde sicher harmonischer ablaufen. Noch in Gedanken zog sie ihr Notizbuch aus der Hosentasche hervor. Denn ihr war gerade das passende Zitat für den heutigen Tag eingefallen: 

„Hast du keinen Funken Anstand?” 

„Ich habe etwas Besseres”, erwiderte Tymur spitz. “Ich habe es eilig.” Maja Ilisch, Das gefälschte Siegel

Und mit einem zaghaften Schmunzeln, ließ sie es wieder in der Tasche verschwinden.