Donnerstag, 23. November
Die Welt ruhte unter der weißen Decke, die sich stetig anwuchs. Um sie herum herrschte angenehme Stille. Bis auf ein paar Schaufenster, die ihre warme Nachtbeleuchtung auf die unberührte Leinwand auf dem Gehsteig ergossen, und den schummrigen Schein der Straßenlaternen lag alles, wie es zu erwarten war, noch in geheimnisvoller Dunkelheit.
Gwendolyn blinzelte durch die fallenden Flocken an den Häusern empor. Im Halbdunkel des Morgens wirkten die bonbonbunten Fassaden eher wie aschfahle und sehr verschlafene Riesengesichter, deren Augen in der Finsternis hinter den geschlossenen Rollos lagen. Nur ab und an hob eines ein Lid und beäugte die junge Frau mit dem dicken roten Schal.
Das laute Knarzen unter ihren Füßen war Gwendolyn unangenehm. Sie wollte ja niemanden in der gerade erwachenden Stadt wecken. Sie zog ihre Strickmütze tiefer in die Stirn und das Wollmonster über ihre Nasenspitze. Wie ihre Schildkröte in ihren Panzer, versuchte sie sich, noch tiefer in ihre wärmende Kleidung zu ducken. Percy hatte vorhin nur einen müden Gähner zur Begrüßung für sie übrig gehabt und sich gleich wieder in seine Höhle, ein stattliches Stück ausgehöhlten Baumstumpfs mit altersrissiger Rinde, verkrochen. Sie konnte es ihm nicht verübeln.
Gwendolyn hatte schon sehr früh den Wasserkocher zwischen ihren bereits gestapelten Umzugskisten angeschmissen, denn der Elektriker hatte behauptet, keinen anderen Termin mehr frei zu haben als den um 7 Uhr. Sie hatte sich einen schnellen Ingwertee mit Kardamom, Rosmarin, Thymian und Orangensaft gemacht. Die Stärkung der inneren Abwehr ist besonders im Winter sehr wichtig!, betonte ihre Grandma Joslyn immer, wohingegen ihr Grandpa Harold dann protestierte: Ham and Eggs, Josy! Das ist die beste Medizin für die innere Abwehr!
Ein ausgiebiges Frühstück musste warten, bis Olivia nachher hereinschneite. Wann, das konnte man nie so genau sagen. Sie war Künstlerin durch und durch und hatte sich in der Londoner Steampunk-Szene mit ihren verrückten Installationen mittlerweile einen Namen gemacht. Ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin war der Wunsch ihrer Eltern gewesen: Lern´ was Bodenständiges, dann hast du immer einen Plan B!
Gwendolyn hatte Olivia dafür bewundert, mit welcher Würde sie diese Zeit durchgestanden und Haltung und Ruhe bewahrt hatte. Insgeheim hatte Olivia die Tage bis zu ihrer Abschlussprüfung gezählt, da war sie sich sicher. Sie war sehr stolz auf Olivia und es machte sie daher um so glücklicher, ihre Freundin in einem so wichtigen Moment ihres eigenen Lebens an ihrer Seite zu wissen.
Kleine, wie mit Zuckerguss überzogene Kugelbüsche vor einer Eingangstür zogen Gwendolyns Aufmerksamkeit plötzlich auf sich. Die vom Schnee beklecksten Blätter, die vor dem dunklen Hintergrund leuchteten, erinnerten sie an die Seiten ihres Notizbuchs. Sie freute sich schon darauf, heute Abend Ihrer Sammlung wieder ein Zitat hinzuzufügen.
Als sie von Weitem endlich ihr Haus und daneben das Musikgeschäft erkennen konnte, spürte sie ein Kribbeln im Magen. Sie blieb mittig vor den beiden Gebäuden stehen, die trotz gleicher Bauart äußerlich unterschiedli-cher nicht seien konnten: Das eine strahlte in seinem zurücknehmenden Pastellgelb eine gewisse aristokratische Erhabenheit aus. Das andere verscheuchte mit seinem leuchtenden Pink jede Art von Trübsal. Die Schaufenster des einen mit ihrem Rahmen aus dünnen, dunkel gebeizten Holzstreben wirkten vornehm und luxuriös, die des anderen in ihrem Dunkelrot wie die flippige kleine Schwester. Dennoch spürte man eine tiefe Vertrautheit zwischen den beiden Häusern. Gwendolyn seufzte. Wenn das doch auch so mit ihren Bewohnern wäre…
Sie schloss die Haustür rechts neben den Schaufenstern auf. Der Flur dahinter war sehr schmal und führte auf einer abgetretenen Treppe direkt in die Wohnräume hinauf. Sie tauschte Mantel und Mütze wie jeden Morgen gegen den gemütlichen Kapuzenpulli und die Arbeitshose und schritt wenig später nur auf Strümpfen über die hölzerne Verbindungstreppe in den vorderen Verkaufsraum. Sie folgte dem Duft von Honigwachs, der die Luft mit seiner herben Süße schwängerte, in den um einiges größeren hinteren Verkaufsraum. Dort betrachtete sie voller Stolz das wunderschöne Parkett. Auf den zu einem harmonischen Strickmuster geflochtenen Holzplanken lag ein seidiger Glanz. Sie war sprachlos. Ihre Mom hatte ein wahres Wunder vollbracht. Sie sah schon die bunten Buchrücken in den Regalen, roch das betörende Aroma von Punsch, Kaffee und Tee und fühlte die wärmenden Flammen des Kaminfeuers auf ihrer Haut.
Einer inneren Eingebung folgend rollte sie Malervlies wie den Roten Teppich einer Filmgala aus; Von der Ladentür zur Wendeltreppe. Damit niemand dieses Kunstwerk beschädigen konnte. Schließlich erwartete sie noch Handwerker, und in sechs Tagen sollte ihr Umzug stattfinden. In ihrem Bauch begann es zu kribbeln, wenn sie daran dachte, endlich die Weihnachtsdekoration auspacken und die Räume mit Tannengirlanden schmücken zu können. Sie überlegte, wo sie den Weihnachtsbaum aufstellen könnte. War dort neben dem Kamin der perfekte…
„Wow! Respekt! Das ist ein krasser Bau! Läuft bei dir!“ Die Glöckchen klingelten erbost, und mit einem Rums! landete ein großer Werkzeugkasten auf dem Malervlies.
Gwendolyn wirbelte überrascht herum und war gleichzeitig sehr erleichtert. Puh! Gerade nochmal gut gegangen!
Der dunkle Teint und die ebenen Gesichtszüge des jungen Mannes, den Gwendolyn auf allenfalls Anfang zwanzig schätzte, ließ sie gleich an Sommerurlaub unter Palmen denken. Seine sportliche Figur mit den breiten Schultern, von denen er gerade den Schnee klopfte, steckten in einem dunkelblauen Overall mit vielen Taschen. Schwarzes Haar quoll unter einer Kappe hervor, auf der zwischen den Initialen Dr. und S ein Blitz aufgestickt war. Doktor Strom, die Elektriker GmbH & Co. KG.
Alles in Allem machte der junge Mann auf Gwendolyn einen sehr sympathischen Eindruck; Wäre da nicht der sehr männliche Herrenduft gewesen, der ihr fast die Luft zum Atmen nahm.
„Roger, hallo! Doktor Strom schickt mich", begrüßte er sie mit kräftigem Händedruck.
Ah ja. „Herzlich Willkommen! Gwendolyn Shakespeare", antwortete sie knapp und versuchte, wieder unauffällig die Luft anzuhalten.
„Dann mach ich mich mal an die Arbeit.“
„Gerne“, sie nickte und trat schnell ein paar Schritte aus dem Dunstkreis der Duftwolke. „Ich zeige ihnen, um was es geht.“
Roger winkte lässig ab. „Nich nötig! Alles cremig… Hat der Doktor mir schon erklärt: Die Lichterketten an den Stromkreis anschließen und den Sicherungskasten checken.“
„So, hat er das… der Doktor…“ Dieser cremige Typ glaubte doch nicht wirklich, dass sein Chef seinen Doktortitel bei der Elektrikerinnung abgelegt hatte?
Jetzt beugte Roger sich zwinkernd zu ihr: „Für dich nur Roger.“
Vom Moschus umnebelt versuchte Gwendolyn sich an einem Lächeln und nickte hilflos. Sie wankte in Richtung Tresen und hielt sich an dessen Deckplatte fest: „Bitte, dann werde ich dich nicht aufhalten.“ Sie machte eine auffordernde Handbewegung, die eventuell ein bisschen so aussah, als wolle sie Fliegen verscheuchen. „Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“
„Ein Cocktail wär nice, aber was anderes tut´s auch!“, antwortete er lässig und grinste vielsagend. Er tippte sich an den Schirm seiner Kappe, schnappte sich seinen Werkzeugkoffer und seine aufwallende Duftwolke waberte wieder um sie herum. Gwendolyn flüchtete regelrecht die schmale Verbindungstreppe empor in die Küche, öffnete das Fenster und atmete die frische Morgenluft mehrmals tief ein. Einen Moment lang beobachtete sie die Flocken beim Fallen. Sie wirbelten um die Passanten, die als bunte Punkte über den Gehweg huschten.
Schon als sie die Küche das erste Mal betreten hatte, hatte sie sich in das helle Türkis der Schränke mit der dunklen Arbeitsplatte aus Eichenholz, den freistehenden, gusseisernen Herd und die gemusterten Fliesen auf dem Boden verliebt. Unter einer dicken Staubschicht hatten sie damals in ihrem Dornröschenschlaf gelegen. Doch nach und nach hatte Gwendolyn diese Schätze mit Putzlappen und Wischmop freigelegt. Jetzt warteten die Schränke nur darauf, eingeräumt zu werden. Für ihre Renovierungshelfer hatte sie schon Geschirr und Besteck aus ihrer alten Wohnung hergebracht. Auch der Inhalt des Kühlschranks füllte sich. Eine Kiste Wasser stand in der Ecke neben ihm (So ein Mist! Die Flaschen darin waren alle leer). Also ging sie wieder hinunter, sie blieb in einem Sicherheitsabstand auf halber Treppe stehen und sah sich um. Wo war Roger?
„Hallo?“
Da tauchte er grinsend hinter dem Verkaufstresen auf.
„Bin schon mit dem ersten Lichtschalter fertig.“
„Oh, das ging aber schnell.“ Sie war ehrlich verblüfft.
„Man nennt mich auch Flash Roger!“ Er knipste mit einem Augenzwinkern die Isolierung von mehreren Kabeln und pustete die Zange an, als wäre sie ein rauchender Colt.
„Ah.“ Gwendolyns Augenbrauen schnellten gleichzeitig empor. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm jedenfalls nicht. „Das Wasser ist alle. Ich gehe zum Bäcker. Was möchtest du haben?“
„Bitte was Starkes! Und diese Zimtkringel.“
Sie kaufte einen doppelten Espresso für Flash Roger (Hoffentlich war er dadurch wie der geölte Blitz fertig!) und zwei Chai-Latte mit viel Honig und großer Milchschaumhaube, weil sie inständig hoffte, dass Olivia gleich wie durch ein Wunder in den Laden spazieren würde. Ihr war die Zweisamkeit mit dem Elektriker unangenehm. Außerdem wusste sie nicht, wie lange sie seine Duftwolke noch ertragen konnte.
Doch Olivia ließ noch auf sich warten. Also trank sie auch den zweiten Gewürztee, aß einen Bagel mit Frischkäse, Gurkenscheiben und Brokkolisprossen und musste noch einige Flirtangriffe über sich ergehen lassen, bis Roger endlich verkündete: „Es werde Licht!“ Im nächsten Moment glitzerten über ihnen wie am Tag zuvor hunderte kleiner Lichter. Gwendolyn seufzte ergriffen. Und dann seufzte sie erneut, als mit einem Klack! die Lichter wie gestern wieder erloschen.
Roger fluchte etwas ganz und gar nicht Jugendfreies und verschwand im Keller. Gwendolyn nutzte die Zeit, um im Verkaufsraum zu lüften, dann holte sie dunkelroten Lack und Pinsel und begann, die Holzstreben des Schaufensters von innen zu lackieren.

Eine halbe Stunde später grinste Olivia sie an. „Du hast einen Mann im Keller, Cap?“
Gwendolyn tunkte demonstrativ den Pinsel in die Lackdose und strich weiter. „Ja“, antwortete sie gedehnt. „Worauf willst du hinaus?“
Ihre Freundin wies mit einem Fingerzeig zu dem Blätterbüschel, das vom Torbogen baumelte. Richtig, der Mistelzweig, die Wette. Daran hatte sie heute noch gar nicht gedacht. Doch Olivia ließ nicht locker und fragte wie beiläufig: „Wie sieht er aus? Ist er ein Kusskandidat?“
„Ein Kuss… wie bitte? Nein!“, entrüstete sich Gwendolyn. „Er ist noch ein halbes Kind!“ Nach ein paar weiteren Pinselstrichen, drehte sie sich zu Olivia um. „Warum versuchst du es nicht? Schließlich hast du auch keine Freundin!“
„Aber genügend Dates! Was kann ich denn dafür, dass Mrs. Right noch nicht dabei war? Und schau mich an: Ich bin eben schwer zu vermitteln. Schwerer jedenfalls als du!“
„Gwen?“, kam die gedämpfte Stimme des Elektrikers aus dem Keller.
„Uhhh, ihr nennt euch schon beim Vornamen?“, kicherte Olivia. Als Gwendolyn darauf nicht reagierte, stellte sie überflüssigerweise noch fest: „Cap, dein Typ wird verlangt!“
„Du darfst gern weitermachen. Das Dunkelrot ist wunderhübsch, nicht?“ Sie überreichte ihrer Freundin feierlich die Lackdose und zwei unterschiedlich breite Pinsel.
„Aber nicht ohne Hollys Weihnachtssender!“, verkündete diese und schaltete das kleine Radio ein, das den Raum sofort mit weihnachtlicher Popmusik erfüllte. Sie grinste etwas schief. „Naja, nicht so meins, aber jetzt geh schnell! Einen Handwerker lässt man nicht warten!“
Gwendolyn nahm noch Olivias zuckersüßes Lächeln mit, als sie die Stufen in den Keller hinabstieg. Dabei hallte die Legende wie ein Ohrwurm in ihrem Kopf wider und ließ sich auch nicht durch Kopfschütteln vertreiben. Sollte sie wirklich daran glauben? War es nicht einfach nur ein Märchen? Sie wollte doch nur ihren Laden eröffnen! Warum dachte sie nun auch noch darüber nach, wie gerne sie einen Freund hätte? Und wie gerne sie geküsst werden würde? Aber von Roger? Bitte nicht!
Als hätte sie diesen Gedanken laut ausgesprochen, drehte Roger sich zu ihr um. Die Tür des Schaltkastens hinter ihm war weit geöffnet. „Welcher Volldepp installiert hier einen Holzkasten? Ich meine: Holz! Du kannst von Glück sagen, dass es in den letzten 150 Jahren keinen Kabelbrand gab. Ansonsten wäre der Kasten in Flammen aufgegangen und mit ihm gleich das ganze Haus! Die Rückwand gibt auch schon nach.“
Er drückte gegen die linke obere Ecke und die kleinen Nägel lösten sich. Die dünne Holzplatte bog sich ein Stück nach hinten und offenbarte tintenschwarze Dunkelheit dahinter. Dann drehte er an den Sicherungen. „Echt bodenlos! Dass es immer noch Häuser gibt, in denen diese alten Schätzchen den Stromkreis ankurbeln…“ Er nahm seine Kappe ab und entblößte dichtes, volles Haar, das er jetzt mit seinen Fingern durchfuhr.
War es hier unten schon immer so warm?, dachte Gwendolyn plötzlich, sagte aber laut: „Und das ist… schlimm?“
Er zuckte tatsächlich mit den Schultern. War er nicht der Experte? „Solange du nicht alles auf einmal einschaltest…Waschmaschine, Licht, Kaffeemaschine, Toaster und so weiter, brauchst du keine Bedenken zu haben.“
„Der Buchladen wird einiges an Strom verbrauchen…“, Panik wallte in Gwendolyn auf, „Roger, sag mir bitte, dass du eine Lösung dafür hast!“ Alle Leitungen auszutauschen, würde mein Geldbeutel nicht aushalten und den 2.12. kann ich mir als Eröffnungsdatum auch aus dem Kopf schlagen!
„Klaro!“ Er zwinkerte ihr zu. „Die 15 Ampere Sicherungen hier sind zu schwach auf der Brust. Flash Roger besorgt einfach stärkere!“
Sie atmete erleichtert aus. „Wie lange wird das dauern?“
Er zuckte wieder mit den Schultern. „Ich bin mir sicher, der Doktor hat noch welche in irgendeiner Antik-Schublade.“
In irgendeiner Antik-Schublade? Bleib ruhig, Gwen. Er weiß, was er tut. Glaube ich zumindest…

„Warum hast du ihn einfach gehen lassen?“, schmollte Olivia wenig später. Sie hatte sich auf die oberste Sprosse ihrer Leiter gesetzt und polierte dort oben die Gläser ihrer Pilotenbrille.
„Ich fange ganz bestimmt nichts mit einem Jüngeren an", grollte Gwendolyn zwischen zwei Hammerschlägen ihrer Mutter, die im hinteren Teil des Ladens halbhohe Regale aufbaute.
„Auch nicht mit so einem Sahneschnittchen?“ Olivia zog zwei paar Ohrenstöpsel aus ihrer Hosentasche und reichte ihr eins.
„Es geht doch nur um einen Kuss!“, quengelte Olivia als wäre sie eins ihrer Kindergartenkinder.
„Er kommt noch mal wieder. Wie gesagt, wenn du den Mistelzweig testen möchtest, tu dir keinen Zwang an“, grinste Gwendolyn.
Doch das winkte ihre Freundin entschieden ab. „Kein Mann küsst diese Lippen!“
Beide lachten, steckten sich die Stöpsel in die Ohren und pinselten weiter.

Es dämmerte bereits. Herabtrudelnde Schneeflocken mischten sich mit dem romantischen Lichterglanz an den Hausfassaden der Portobello Road. Gwendolyn sah aus dem Schaufenster und entdeckte weit entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Gruppe Carol Singers. Die Frauen und Männer schienen wie aus einem Charles Dickens Märchen gepflückt. Sie liebte deren altertümliche Kleidung und die Lieder, mit denen sie die Straße sicherlich mit weihnachtlicher Vorfreude erfüllten. Durch die Ohrstöpsel konnte sie davon nur leider nichts hören.
Ganz unverhofft rauschte eine hochgewachsene Gestalt mit blonden Locken von rechts in Gwendolyns Sichtfeld, eilte schnellen Schrittes am Schaufenster vorbei und wollte in den Eingang ihres Ladens einbiegen. Doch soweit kam es nicht. In der Kürze eines flüchtigen Moments sah sie nur noch, wie Arme empor gerissen wurden und ein Körper unterhalb des Fensterrahmens in einer Schneewehe versank. Sie verschluckte sich vor Schreck am Tee und beeilte sich, nach draußen zu kommen.
Jetzt erkannte sie, wer da gerade wieder aufzustehen versuchte. Was mit seinen feinen Lederschuhen auf der eisglatten Oberfläche offenbar nicht leicht war: Ihr Nachbar, aus dem Musikgeschäft!
„Warten Sie, ich helfe Ihnen!“ Sie eilte zu ihm und wollte ihn am Oberarm greifen, um ihn zu stützen. Doch das wehrte er entschieden ab, ruderte mit dem Arm in der Luft, rutschte erneut aus, bekam dabei ihren Pulloverärmel zu packen. Sein Schwung riss die überraschte Gwendolyn gleich mit zu Boden. So landete sie halb auf ihm, halb in dem Schneehaufen.
Solange eine Schneeflocke braucht, um zur Erde zu taumeln, sahen sich beide erschrocken an. Lange dunkle Wimpern umgaben einen türkis-farbenen Ozean, in dem grüne Inseln schwammen. In seinen Augen lag ein fast unwirklicher Schimmer. Für einen kurzen Moment wollte Gwendolyn darin für alle Ewigkeiten in eine Welt voller Sehnsucht versinken.
Doch genauso schnell wie er gekommen war, war dieser Moment auch schon zerschmolzen, als er sich um Fassung ringend aufbäumte und sich auf die Hände stützte: „Es reicht! Ich hatte mir vorgenommen, Sie höflich um Ruhe zu bitten! Dieses ständige Hämmern und Schleifen! Und jetzt das!“
Mittlerweile waren auch Olivia und Gwendolyns Eltern auf dem Gehweg und reichten ihnen helfend die Hände. Doch ihr Nachbar wies sie von sich und baute sich mit etwas wackeligen Beinen vor Holly auf: „Sie sollten als Besitzerin Sorge tragen, dass vor ihrem Haus der Schnee geräumt ist, damit man sich nicht die Knochen…“
Die überraschte Holly zeigte auf die noch überraschtere Gwendolyn. Ihr Nachbar wirbelte herum. Ein paar Schneeflocken flogen aus seinen Locken, und seine Augen blitzten angriffslustig.
Gwendolyn hob kurz die Hand zum Gruß und lächelte schief: „Es tut mir wirklich sehr leid, Mister…“
„Barline, Theon Barline! Für Sie Mister Barline!“, fauchte er und klopfte sich den Schnee von der Hose.
„Mister Barline, bitte glauben Sie mir, es war nicht meine Absicht, Sie zu stören. Die Arbeiten müssen gemacht werden, aber es ist ja zeitlich abzusehen, denn wir eröffnen ja bereits…“
„Ha!“, unterbrach er sie barsch, „Wann Sie eröffnen, ist mir egal! Ich möchte einfach wieder Ruhe! In einem Musikgeschäft gibt es Instrumente, meisterhaft handgefertigte Instrumente. Und meine Kunden möchten den feinen Klang meiner einzigartigen Instrumente hören. Was sie aber nicht können, wenn direkt nebenan die Hölle losbricht! UND DAS TAGE-LANG!“ Er schnaubte, doch für einen Sekundenbruchteil hielt sein Blick erneut ihren fest; bevor die Griesgrämigkeit zurückkehrte. Er machte eine wegwerfende Handbewegung, drehte sich um und versuchte, erhobenen Hauptes davonzuschreiten. Was allerdings eher nach einer unbeholfenen Marionette aussah.
„Kleiner Tipp: Überdenken Sie besser Ihr Schuhwerk bei dieser Witterung!“, rief Olivia ihm hinterher.
Doch Theon Barline hörte womöglich ihren Rat nicht mehr, denn er hatte die Tür seines Geschäftes schon geräuschvoll zugeschmissen.
Zu Gwendolyn gewandt stellte Olivia fest: „Jetzt kennst du wenigstens seinen Namen und weißt, an wen du den Präsentkorb und das offizielle Entschuldigungsschreiben schicken kannst.“
Gwendolyn blickte unschlüssig von der Schneewehe zum Musikgeschäft.
„Herrje, du denkst nicht wirklich darüber nach? Es war doch nicht deine Schuld, dass er ausgerutscht ist!“, entrüstete sich ihre Freundin und schob sie wieder in den Laden zurück.
Doch Olivia lag falsch. Gwendolyn dachte nicht über einen Präsentkorb nach. Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust, denn seine Augen würde sie nie wieder vergessen; sein Verhalten allerdings auch nicht! Sie zückte ihr Notizbuch, denn ihr fiel ein absolut passendes Zitat dazu ein:
„Ich bin nun völlig überzeugt, dass Mr. Darcy keine Fehler hat.
Er gibt es selbst ohne Umschweife zu.“ ∼ Jane Austen, Stolz und Vorurteil
Theon Barline war ihr ein absolutes Rätsel. Zumindest das, was sie bisher von ihm kennengelernt hatte. Er war ein echtes Ekelpaket, wirkte eindeutig hochsensibel, unflexibel, unfreundlich und sehr kompliziert. Ob er schon immer so gewesen war oder wenn nicht, warum war er so geworden? Die Umstände, die zu seiner Gefühlsexplosion geführt hatten, hätten sie auch geärgert. Aber musste man gleich so aus der Haut fahren? Er hatte ihr weder die Möglichkeit gegeben, sich zu erklären, noch ihre Entschuldigung akzeptiert. Wie sollten sie jemals ein gutes, nachbarschaft-liches Verhältnis aufbauen, wenn er sich so sehr dagegen sperrte?
In Gedanken versunken stieg sie die Wendeltreppe hinauf. Ihre Füße wandelten wie von selbst in ihr Lesezimmer und blieben vor dem alten Rahmen mit dem Rosenblüten-Tapeten-Bild stehen. Erneut zog sie ihr Notizbüchlein aus der Hosentasche und schlug es auf. Ihre Augen erfassten die Worte, die Mr. Barline auf unfassbar treffende Weise formten. Sie war keineswegs eingeschüchtert von seinem Auftreten. Im Gegenteil. Innerlich hatte sie die Herausforderung schon längst angenommen, ihn von seinem Stolz zu befreien.