Blog > Weihnachtsroman ❤︎ Kapitel 6

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London Christmas Romance, Die Legende der Mistelzweigküsse, Mistelzweig

Ein Eisbär mit Ozeanaugen

Samstag, 25. November

Was wäre die Weihnachtszeit ohne ihren Tannenduft, opulent dekorierte Kränze und glitzernde Lichter? Das wollte Gwendolyn sich lieber nicht vorstellen. Die Buchhandlung war dazu bereit, dass viele bunte Buchrücken die Regalreihen schmückten. Bis die Bücher in den nächsten Tagen geliefert wurden, wollte sie ihnen einen feierlichen Rahmen für ihre Ankunft bereiten und sich heute darum kümmern, dass Weihnachten in ihr Buchcafé einzog.
Sie strich mit einem kleinen Lächeln über den großen Umzugskarton, auf dem in dicken Druckbuchstaben WEIHNACHTS-DEKORATION stand, ließ sich daneben auf den weichen Teppichboden ihres Noch-Wohnzimmers gleiten und hing ihren Gedanken nach.

Der Tag ihres Umzugs rückte näher. Es waren nur noch vier Tage, bis sie ein neues Kapitel im Buch ihres Lebens aufschlagen und neu schreiben würde. In ihrer überschaubaren Dachgeschosswohnung hatte sie sich immer wohl gefühlt. Trotzdem wünschte sie sich schon lange eine richtige Küche mit einem Esstisch für gemütliche Teeplaudereien und mehr Platz für Percys Gehege; es nahm derzeit die Hälfte des Wohnraums ein. Ihr kleiner, schläfriger Mitbewohner war schon seit ihrer Kindheit ihr treuer Begleiter. Wie oft hätte sie sich zu gerne auf die Größe eines Marienkäfers geschrumpft, um die lustige Hügellandschaft auf seinem grün schattierten Panzer erkunden zu können. Und genau wie damals mit ihren kleinen Knubbelfingern, fuhr sie heute noch gerne die Furchen zwischen den Erhebungen nach. Es hatte etwas Beruhigendes. Auch für die Schildkröte, die dann geduldig und entspannt unter ihrer Berührung verharrte.

Ganz still saß Gwendolyn nun da. Zwischen den Umzugskartons und Percys Gehege. Eine Lichterkette an der Wand über dem Sofa tauchte den Raum in ihr warmes Dämmerlicht. Auf dem Couchtisch kringelte sich der Dampf aus einer Teetasse vor dem flackernden Schein einer Honigkerze. Das einzige Geräusch, das sie hörte, war das leise Tapsen der Schneeflocken, die auf ihr Dachfenster fielen. Ganz schüchtern und zurückhaltend schmiegte sich das Geräusch in die angenehme Stille und ließ die kleinen Grübchen neben ihren Mundwinkeln erscheinen, die ihr Lächeln zierten. Durch die Erinnerung an ein Gespräch mit ihrer Mom wurde ihr Lächeln noch breiter.

„Ich stelle mir Regale auf der Galerie vor… was meinst du?“

„Eine tolle Idee, Liebes!“, war Hollys prompte Antwort gewesen, während sie schon die Wendeltreppe hinaufstürmte, um die Wände auszumessen. „Das bekomme ich noch vor der Eröffnung hin!“, hallte ihre Stimme hinunter.

„Darling, meinst du nicht, du übernimmst dich?“

Pfff! und eine abwinkende Handbewegung war ihre Antwort. Ach ja, und ein Kuss, den sie ihrem Mann auf den Mund hauchte. Mehr brauchte es eigentlich nie, um ihren Dad von den Plänen ihrer Mom zu überzeugen.

Es war sehr schön, nach diesen stressreichen Tagen heute etwas Ruhe genießen zu können. Doch wie eine Fülle falscher Satzzeichen auf einer Buchseite mischten sich Gedanken in ihren Kopf, um die sie nicht gebeten hatte. Sie wollte, dass sie auf der Stelle verschwanden. Natürlich taten sie ihr diesen Gefallen nicht und natürlich drehten sie sich um die unerträglichste Person, die ihr seit ihrem Geschichtslehrer Mr. Hamming je begegnet war: ihr Nachbar Theon Barline. Er war der Ebenezer Scrooge von Notting Hill. So viel stand fest.

Was konnte jemanden nur so verbohrt und engstirnig werden lassen? Ihm war korrektes und pflichtbewusstes Verhalten sehr wichtig, und dass man tat, was die gesellschaftlichen Konventionen… vielmehr er für richtig hielt. In welchem Jahrhundert lebte er nur?
Gwendolyns Welt bestand aus Harmonie, Buchseiten voller Abenteuern und aus Chai-Tee. Konnte es etwas Schöneres geben? Daher war es ihr sehr wichtig, dass sie und ihr Nachbar sich wenigstens mit Respekt begegnen konnten. Doch eine Idee, wie sie auf ihn zugehen sollte, hatte sie noch nicht. Bei ihrem Umzug musste sie auf jeden Fall darauf achten, dass sie ihn nicht provozierte. Aber halt, hatte er damit gewonnen? Wie ein kleines, bockiges Kind würde er seinen Willen bekommen! Ach was, das hier war doch kein Wettbewerb… andererseits wollte sie sich von niemandem verbiegen lassen. Renovierung und ein Umzug machten nun mal Krach. Punkt. Danach würde Ruhe einkehren. Das hoffte sie zumindest sehr.

Um diese ganzen unschönen Gedanken abzuschütteln, kochte sie sich noch einen Ingwertee, in den sie die doppelte Menge Honig hineinlaufen ließ. Das hob zwar ihre Stimmung, aber ihr Magen knurrte trotzdem. Allerdings gab ihre Küche nichts mehr her, was den Namen Frühstück verdient hätte. Dann also auf zum Weihnachtsmarkt! Dort gab es Leckereien in Hülle und Fülle und auch hübsche Dekorationen, um die Buchhandlung zu schmücken.

Der Markt in Camden Town, einem lebendigen Stadtteil in Londons Norden, der für seine vielfältige Musikszene und seinen bunten Charakter bekannt war, war von November bis Dezember ein Ort der weihnachtlichen Vorfreude und Fröhlichkeit. Festlich geschmückt und mit warmen Lichtern wunderschön beleuchtet lockte der Marktplatz Touristen wie auch Einheimische, die gemütliche Atmosphäre und das ausgezeichnete Straßenessen zu genießen. Es gab auch eine Eisbahn, und in der versteckten Lebkuchengrotte (eigens für diesen Zweck ganz bezaubernd umgebaute Pferdeställe) trafen Kinder den Weihnachtsmann und konnten sich seine magische Minishow ansehen.
Genau deswegen liebte Gwendolyn den Camden Market. Sie schlenderte über das verschneite Kopfsteinpflaster und stellte sich vor, eine Figur in einem Charles-Dickens-Märchen zu sein. Aus jeder Ecke hörte sie dezente Weihnachtsmusik, es duftete nach Lebkuchen, Glühwein und Zimt, und die Stände boten genau den richtigen Grad an Kitsch, Skurrilem und Außergewöhnlichem, den sie für ihr Books & Teatime suchte.

Ihr erster Fund war eine runde, dunkelrote Samtdecke, bestickt mit goldenen Sternchen. Die würde sie unter den Weihnachtsbaum legen.

An einem Stand, dessen mit Tannengrün und rotgetupften Ilexzweigen umranktes Schild Cuddly Things (Kuschelige Dinge) verhieß, entdeckte sie tatsächlich die charmantesten und perfektesten Baumanhänger: Minibüchlein aus buntem, handgeschöpftem Papier, die mit goldenen Ecken versehen und goldenen Schnallen verschlossen waren. Davon kaufte sie direkt drei Dutzend. Dunkelrote und goldene Kugeln, kleine Engelchen, deren weiße Federflügel an den Spitzen in Goldglitzer getunkt waren und Anhänger aus verschnörkelten, antiken Gabeln machten ihren Einkauf komplett.

Auf dem Rückweg ahnte sie, wie sich der Weihnachtsmann mit prall gefülltem Sack fühlen musste. Für den nächsten Einkauf würde sie definitiv ihren Rentierschlitten mitnehmen, denn die anderen Fahrgäste in der U-Bahn staunten nicht schlecht, dass Gwendolyn für ihre Tüten und Taschen gleich zwei weitere Sitze in Anspruch nehmen musste. Dick bepackt lief sie das letzte Stück ihres Wegs zum Books & Teatime. Neben ihr knackte der Schnee unter den Rädern der vorbeirollenden Autos wie Weihnachtsmann-schokolade. Die klare Luft trug würzige Düfte an ihre Nase. An einer Straßenecke gab es geröstete Maronen und der Coffee-Shop betörte die Passanten mit Tee- und Kaffeearomen. Doch Gwendolyns Einkäufe ließen es ärgerlicherweise nicht zu, dass sie sich einen Tee-to-Go genehmigte.

Sie folgte einer älteren Frau mit einem Handwagen, der zwei gerade, schmale Spuren wie die Kufen eines Schlittens in der weißen Decke hinterließ. Wenig später war sie endlich fast auf Höhe ihres Hauses angelangt. Doch sie stutzte und lief automatisch langsamer, denn von Weitem konnte sie schon eine wild mit den Armen gestikulierende Gestalt erkennen. Theon Barline diskutierte lautstark mit einem LKW-Fahrer, der sein sehr großes Fahrzeug quer vor dem Musikgeschäft und Gwens Lädchen geparkt hatte. Ihr war, als hätte ein breiter, dunkelgrauer Streifen das Tageslicht von beiden Fassaden und dem Gehsteig gesaugt.

Sie sah sich kurz nach allen Seiten um und überlegte, im nächsten Hauseingang zu verschwinden. Doch mit Tüten voller Baumschmuck behängt wie ein Rentier würde das nicht einfach werden. So ein Mist! Zu spät! Schon hatte ihr Nachbar sie erkannt.

„Da ist sie ja! Miss Shakespeare, sagen Sie diesem… dem Herrn hier, dass er so nicht stehen bleiben kann! Dieses Monstrum versperrt den ganzen Gehweg! Niemand kommt rein oder raus aus meinem Geschäft!“

Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte, versuchte Gwendolyn, mit ruhiger Stimme auf ihn einzureden: „Mr. Barline, der Mann wird sicher seine Gründe haben, nicht wahr?“
Der Fahrer versuchte, sich nun mit einem Klemmbrett an Mr. Barline und dessen Riesen-Ego vorbeizudrängen, was nicht einfach war. „Hallo, Miss Shakespeare, ich habe eine Bücherlieferung für Sie, wenn Sie bitte hier unterzeichnen könnten?“ Er streckte ihr schnell einen Kugelschreiber und das Klemmbrett mit dem Lieferschein entgegen und warf einen nervösen Blick über seine Schulter, als befürchte er einen Angriff von hinten.

Gwendolyn glaubte, sich verhört zu haben. „Eine Bü…? Sie haben WAS? Die Lieferung war erst für nächste Woche vorgesehen.“ Sie ließ ihre Einkäufe langsam neben sich auf den Boden gleiten.

Doch der Fahrer nickte. „Ist doch schön, jetzt haben Sie sie schon früher! Es sind fünf Paletten. Wenn ich die jetzt abladen dürfte.“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage, denn er öffnete schon die beiden Türen des Heckportals und kletterte hinein.

„Wie lange wird das dauern?“, rief ihm Theon Barline hinterher.
„So lange, wie es dauert!“, hörte man die gedämpfte Antwort. Das war sehr mutig, fand Gwen. Sie trat einen Schritt auf ihren Nachbarn zu. „Mr. Barline, es tut mir leid, die Lieferung war für heute nicht geplant. Ich hätte Ihnen…“ sonst Bescheid gegeben, wollte sie ihre Entschuldigung noch ausbauen, doch Mr. Barline kam auf sie zu und blieb direkt vor ihr stehen. Er hatte die Lippen wutverzerrt aufeinander gepresst und beugte sich so weit zu ihr vor, dass ihre Nasenspitzen sich beinah berührten. Gwendolyn hielt den Atem an. Für einen kurzen Moment verschränkten sich wieder ihre Blicke ineinander und sie war sich nicht sicher, ob sie in seinem einen Hauch Unsicherheit erkannte. Dann grollte er leise, sodass nur sie es hören konnte: „Sie machen mich wahnsinnig!“, drehte sich um und war auch schon in seinem Geschäft verschwunden.
Das Kompliment kann ich Ihnen nur zurückgeben, Mr. Barline!, dachte Gwendolyn, schloss mit einem fassungslosen Kopfschütteln die Ladentür auf und stellte ihre Einkäufe ab. Wie konnte sie nur jemals einen guten Eindruck bei ihm machen, wenn ihr immer wieder solche Ereignisse einen Strich durch die Rechnung machten?

In Windeseile legte sie das restliche Malervlies über den noch sichtbaren Boden. Wenn der Fahrer die Paletten hereinschob, konnte er sie dort absetzen. Dazu kam es aber nicht. Die breiten Paletten passten nicht durch die Tür! Jetzt war guter Rat teuer. Nicht für den Fahrer, der die Büchertürme einfach in einer Reihe nebeneinander auf dem Gehweg vor dem Amadeus und dem Books & Teatime ablud und sich dann mit einem Kopfnicken schnell verabschiedete. Na, Danke schön!

Gwendolyn stand vor den Paletten. Der Lieferschein flatterte wie eine weiße Fahne in ihrer Hand. Sie überlegte fieberhaft, was sie nun tun sollte. Der nächste Ärger mit ihrem Nachbarn war damit schon vorprogrammiert. Es sei denn, sie schaffte die Bücher so schnell wie möglich ins Haus; schließlich durften sie auch nicht feucht werden!

Wann Oli kam, stand wieder in den Sternen. Neuerdings hatte sie am Wochenende Bandproben. Gwendolyn wusste aus der Grundschule, dass Olivia Blockflöte spielte (diese AG war ein unrühmlicher Abschnitt ihrer eigenen Kindheit), aber nicht, dass sie irgendwann ein anderes Instrument gelernt hätte. Oder hatte ihre Freundin jemanden kennengelernt? Das würde sie schon noch aus Olivia herauskitzeln. Und ihre Eltern hatten sich erst für den Nachmittag angekündigt. Also musste Gwendolyn zunächst allein die Ärmel hochkrempeln.

Zuerst stapelte sie die Schätze ihres Einkaufs auf dem Tresen und (was nicht mehr passte) auf dem Boden davor. Der Anblick dieses glänzenden und glitzernden Haufens und die Vorfreude auf das Dekorieren, waren Ansporn genug.

Am besten fing sie mit den zwei Paletten vor dem Musikgeschäft an. Dummerweise hatte der Fahrer die eine so positioniert, dass der Gang zwischen den beiden Blumenkübeln mit den mit Lichterketten dekorierten Thujabäumen bis auf einen schmalen Durchlass blockiert war. Gwendolyn hoffte inständig, dass Mr. Barline (weil er sowieso noch sehr aufgebracht war) nicht aus dem Fenster sah. Sie musste sich daher noch mehr beeilen und löste die Schutzfolie um den Pappturm. Dann testete sie das Gewicht einer Kiste. Es war trügerisch zu glauben, dass kleine Kisten weniger wogen als große. Denn speziell dieser Inhalt bestand aus beschriebenem Papier. Und Worte wogen bekanntlich am meisten.

Ihre Kondition war eigentlich recht gut, doch sie bezweifelte stark, dass sie für die Kartontürme auf fünf Paletten reichen würde. Eine Kiste nach der anderen stellte sie in die Mitte des großen Raumes auf dem Boden ab. Nach der Sechsten musste sie schon eine kleine Pause einlegen und setzte sich auf das weiche Malervlies. Sie sehnte sich nach einem Schluck Winterpunsch ihrer Mom und deren göttlichen Weihnachtsplätzchen. Das Kranwasser löschte wenigstens ihren Durst. Sie blickte empor zur Glaskuppel, dann hinunter auf ihre Hände und bestaunte das blassbunte Fleckenspiel auf ihrer Haut. Ein Reiseführer von Kanada kam ihr in den Sinn. Darin zeigten Fotos die unglaublich beeindruckende Architektur der Library of Parliament in Ottawa, die ebenfalls eine Kuppel aus buntem Glas in der Spitze ihres Daches zierte. Die Statue von Queen Victoria thronte in der Mitte des runden Raumes, an dessen Wänden entlang man auf Galerien in mehreren Etagen an den Buchregalen vorbei schlendern konnte. Sollte sie auch eine Statue aufstellen? Aber von wem? Von ihr selbst? Sie kicherte bei diesem Gedanken. Wenn, dann von ihrem Namensgeber wider Willen, William Shakespeare? Ach Quatsch. Genau diesen Platz würde ein riesiges Sofa mit dicken Kissen zum Hineinkuscheln, das zum Kamin hin ausgerichtet war, ausgezeichnet füllen. Was diesen Raum aber sicher zu ihrer eigenen Library of Gwen machen würde war, die Galerie ebenfalls mit dem Verkaufsraum zu verbinden. Sie sah dort oben schon die gefüllten Regale an den Wänden.

Der Schreck durchfuhr sie. Wie lange hatte sie sich ausgeruht? Hoffentlich hatte Mr. Barline die Palette vor seinem Eingang noch nicht entdeckt! Als sie wenige Momente später zur Ladentür hinauseilte, wurde sie von einem vertrauten und fröhlichen Tüdelüü! begrüßt. Die beiden Beths überquerten winkend die Straße und liefen auf sie zu. Sie hatten noch eine Frau und zwei Männer im Schlepptau.

„Das sind Victoria aus der Boutique Junge Mode“, erklärte Bethany. Die in eine Daunenweste gut verpackte Frau lächelte und nickte ihr freundlich zu.

„Und dies ist Collin. Ihm gehört der Werkzeugladen dort hinten.“ Huch! Collin war ein Hüne von einem Mann, denn er überragte alle um einen guten Kopf.

„Und das ist Philomon. Er arbeitet im Coffee-Shop an der Ecke.“
Philomon reichte Gwendolyn die behandschuhte Hand. Er war nicht größer als sie. Seine Gesichtszüge waren weich und freundlich; zumindest das, was unter der dicken Wollmütze und dem gestreiften Schal hervorlugte. Allerdings wirkte er hinter seiner dunklen Nerd-Brille eher wir ein Informatiker als ein Barista.

„Es ist schön, euch alle kennenzulernen, aber ich habe gerade so viel zu tun…“ Sie brauchte gar nicht zu versuchen, das leichte Gefühl der Verzweiflung zu unterdrücken.

„Herzchen, darum sind wir doch hier!“, kicherte Lillibeth, und Bethany nickte. „Wir konnten uns nicht länger ansehen, wie du dich alleine abmühst! Dafür sind Nachbarn doch da!“ Sie tätschelte Gwendolyn fürsorglich an der Schulter und zog sich ihre Fäustlinge über. „Auf geht´s! Viele Hände, schnelles Ende!“

Schon marschierte sie mit den anderen an Gwendolyn vorbei. Die wusste gar nicht, wie ihr geschah. Sie freute sich über so viel Hilfsbereitschaft und lotste den Helfertrupp direkt zur Palette vor dem Eingang des Amadeus. Doch bevor sie auch nur einen Karton in den Händen hatten, öffnete sich die Ladentür des Musikgeschäfts und Theon Barline trat heraus. Er trug eine dunkelblaue Strickjacke über seinem weißen Hemd, die ihm viel zu groß war, und vergrub seine Hände unter seinen Achseln. Langsam bewegte er sich auf Gwendolyn zu. Wie ein Eisbär, der sich an seine Beute pirschte. Ihr Puls erhöhte sich schlagartig. Als sich seine Ozeanaugen in ihren verfingen, hielt sie die Luft an. Er legte den Kopf schief.

„Machen Sie das eigentlich extra?“ Er sprach ruhig und so leise, dass es sich fast wie eine Drohung anhörte.

In ihr stieg Hitze empor. „Eine Verkettung unglücklicher Umstände?“ Sie versuchte sich an einem Lächeln.

Doch ihr Nachbar hob nur eine Augenbraue und schürzte die Lippen. „Das hier…“ Er zog eine Hand hervor und vollführte mit seinen Fingern einen Kreis um die Palette. „…ist in einer Stunde verschwunden. Ansonsten verständige ich die Polizei.“ Damit drehte er sich um und wollte schon seinen Laden wieder betreten, als sich ein schlankes Persönchen mit schickem Mantel und Kashmir-Wollmütze an ihm vorbeischob. Er blickte sie mit einer Mischung aus Überraschung und Verärgerung an.

„Wenn du auch hilfst, geht es schneller, Brüderchen!“, grinste Georgina ihn spitzbübisch an. Natürlich tat er das nicht, sondern verschwand vor sich hin grummelnd im Haus. Georgina gesellte sich zu Gwendolyn, deren Puls sich wieder etwas beruhigt hatte, und nickte ihr fröhlich zu.

„Danke euch allen! Ich denke, dann packen wir es an!“ Gwendolyn hatte nun wirklich Besseres zu tun, als sich darüber aufzuregen, wie engstirnig und unflexibel manche Leute sein konnten.

Zu siebt schafften sie es tatsächlich in weniger als einer Stunde, alle Paletten leer zu räumen. Die Kartontürme im Books & Teatime wuchsen immer höher zu einer Stadt aus Papphochhäusern.

Collin bewunderte den Kamin. „Ich kann die Paletten für dich zersägen. Das gibt prima Brennholz!“, schlug er vor.

Das Angebot nahm Gwendolyn gerne an. Vor allem, weil sie nicht gewusst hätte, wo sie die Paletten sonst hätte lagern sollen. Dann besorgte sie für alle Heißgetränke und belegte Brötchen und zum Nachtisch Shortbread mit einer dicken Karamellschicht und Schokoglasur.

Als sie voll bepackt ihren Laden wieder betrat, präsentierten ihre Helfer ihr den modernen Kaffeevollautomaten, der in der Zwischenzeit geliefert worden war. Er thronte auf der Kommode hinter dem Verkaufstresen und nahm in seiner Breite mindestens die Hälfte des Möbels ein. Kribbelige Vorfreude erwachte in ihr, und sie sah schon die Cafébesucher an kleinen Tischchen sitzen und roch den verführerischen Duft von Gewürztee und gerösteten Bohnen.

„Wow! Der hat ja drei Siebträgergruppen und zusätzlich noch unterschiedliche Programme für Macchiato, Espresso… Da geht mir das Koffeinherz auf!“, schwärmte Philomon.
„Na, wenn du das sagst. Du bist der Profi.“

Er schmunzelte geschmeichelt und griff nach einer Keksschnitte, die Gwendolyn ihm reichte.

Nach einem Bissen überlegte er: „Das könnte noch weihnachtlicher schmecken.“ Er setzte sich in die gesellige Runde auf den Boden neben Gwendolyn, die ihn fragend ansah.

„Na, ein traditionelles Shortbread ist staubtrocken und fad, nicht wahr?“

Sie nickte zustimmend.

„Wie wäre es mit neuen Traditionen? Warum nicht den Grundteig mit weihnachtlichen Gewürzen verfeinern? Statt des puren Karamells als Topping fände ich eine Schicht aus Fudge mit Cranberries, Pistazien und Macadamianüssen passender und würde das Ganze zart mit weißer Kuvertüre bestreichen. Oder alternativ ein Schokofudge-Topping mit Walnüssen, Spekulatius und darüber Vollmilchkuvertüre…“

Allein vom Zuhören lief Gwendolyn das Wasser im Mund zusammen. „Philomon, richtig?“

Er nickte.

„Das hört sich himmlisch an! Du kennst dich also nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit Backwerk aus?“

„Um ehrlich zu sein, ich bin Bäcker- und Konditormeister.“ Er kratzte sich verlegen am Kinn, an dem er sich offenbar seinen Dreitagebart zu einem Musketierbärtchen wachsen ließ. Als er seine Sweatjacke öffnete, kam ein dunkelrotes T-Shirt zum Vorschein, auf dem man den Spruch lesen konnte: Ich sage nichts ohne meinen Kaffee!

„Warum arbeitest du dann in einem Coffee-Shop?“, rutschte es ihr heraus. „Oh, bitte entschuldige, das geht mich eigentlich nichts an.“
„Schon gut“, winkte er ab und fuhr sich mit den Fingern durch sein kurzes, aber etwas stürmisches Haar. „Kaffee war schon immer meine heimliche Leidenschaft. Also fing ich als Barista an. Schlimm ist allerdings, dass ich als Kaffee-Junkie dort direkt an der Quelle sitze!“ Er hob seinen Becher und trank demonstrativ einen großen Schluck.

Gwendolyn lachte. Sein Humor gefiel ihr auf Anhieb. „Dann kannst du mir sicher erklären, wie dieses Ufo zu bedienen ist?“ Sie zeigte auf den Vollautomaten.

Zu ihrer Freude nickte Philomon. „Montag habe ich frei.“

„Abgemacht.“
Da ging ihr etwas durch den Sinn, das zwar abwegig war, aber fragen kostete ja bekanntlich nichts. „Du hast nicht zufällig auch Lust, mir am Mittwoch bei meinem Umzug zu helfen? Die vielen Hände und so…“ Sie grinste schief.

Zu ihrer Freude überlegte er nicht lange. „Klar, mach ich gerne. Ich tausche einfach eine Schicht.“

„Wir würden ja noch länger bleiben, aber wir müssen wieder…“, flötete Bethany, und Lillibeth kicherte nickend.

„Oh, natürlich!“ Gwendolyn hatte vor lauter unverhoffter Geselligkeit ganz vergessen, dass ihre Helfer zu ihrer Arbeit zurück mussten. „Ich danke euch vielmals!“

Als alle gegangen waren, genoss sie für einen Moment die angenehme Stille, die sie umfing. Draußen tanzten die Schneeflocken vor dem Fenster. Und da es in den letzten Wochen wie ein liebgewonnenes Ritual geworden war, schaltete sie das kleine Kofferradio ein. It´s the most wonderful time of the year… sang ein Chor gerade mit ausgelassener Fröhlichkeit aus dem Lautsprecher.

Weihnachtlich beschwingt begann sie, die Bücher aus den Kartons zu befreien. Sie strich andächtig über jeden Umschlag und sortierte Buch für Buch an die richtige Stelle. Die Kinderbücher fanden in der linken Hälfte des vorderen Verkaufsraums ihren Platz. Dort wollte sie mit dicken Sitzkissen und bunten, runden Teppichen einen gemütlichen Lesebereich für die Kleinen schaffen. Dem gegenüber sortierte sie rund um den Tresen Saisonales und Geschenkebücher in Drehständer und in die Wandregale. Den leeren Bereich vor den Schaufenstern würden zwei Cafétische mit jeweils vier Stühlen füllen, und den großen hinteren Verkaufsraum, ihre Library of Gwen, beherbergten bald alle anderen Genres von Krimi über Liebes- und Fantasyroman bis zu Reiseführern.

„Cap?“, hörte sie plötzlich die vertraute Stimme ihrer Freundin begleitet von Glöckchengeklingel.

„Hier hinten!“, rief sie zurück und ordnete die letzten Grisham-Werke ins Regal ein.

Verwundert durchschritt Olivia den Torbogen. „Die Bücher sind ja da!“, stellte sie überflüssigerweise das Offensichtliche fest. Gwendolyn fiel sofort auf, dass sie heute erstmals wieder ihren Zahnrädchenschmuck an Hals und Handgelenken angelegt und ihre Arbeitskleidung gegen ein tiefschwarzes, aufgerüschtes Ensemble mit vielen Silberschnallen und -knöpfen getauscht hatte. Ihre grünen Zottel lugten unter einem zylinderartigen Hut hervor, auf dessen Krempe ihre Schweißerbrille ruhte.

„Du bist doch nicht etwa vorbeigekommen, um mich von meiner Quality-Time mit meinen Schätzen abzuhalten, nur um mir dein neues Outfit zu präsentieren?“

„Das groovt, oder?“ Olivia machte ein paar übertriebene Modelposen und die Metallrädchen an ihren Handgelenken klimperten.

„Erzähl mir lieber von der Bandprobe! Warum erfahre ich so beiläufig davon? Ich dachte immer, du kannst nur Blockflöte spielen?“

Olivia lächelte verlegen. „Das stimmt ja auch. Aber ich singe. Ein paar Musiker aus dem Clockwork Club suchten eine Sängerin.“

„Das würde ich mir zu gerne mal anhören.“

„Wenn du möchtest… du kannst mich jeden Samstag begleiten.“

„Ich überlege mir, wann es passt.“

„Wie war denn dein Tag bisher?“

Gwendolyn legte die Bücher beiseite und erzählte Olivia von ihrem Vormittag in Camden Town. Als sie zu der heutigen Begegnung mit ihrem Nachbarn kam, fiel ihr ein absolut passendes Zitat ein, das sie sofort notierte:

„Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!“ […]

„Pah“, sagte Scrooge, „dummes Zeug!“

~ Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte

Es war wirklich erstaunlich. Hatte sie Mr. Barline heute früh nicht noch als Ebenezer Scrooge von Notting Hill bezeichnet? Das hatte er später mit Bravour wieder bewiesen. Jedenfalls war in ihrem Herzen gerade sehr viel Leichtigkeit, die noch nicht einmal er ihr nehmen konnte.