Tannengrün und Weihnachtswünsche
Montag, 27. November
Heute Morgen brütete Gwendolyn vor ihrem Laptop über dem Werbeflyer für das Books & Teatime. Schon im Dezember plante sie Events wie Lesungen, Vorlesenachmittage oder Lese-Partys. Eine junge Autorin hatte zugesagt, aus ihrem Weihnachtskrimi zu lesen. Für die Vorlesenachmittage suchte sie noch ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, was sie ebenfalls bei den Informationen im Text unterbrachte.
Olivia half ihr dabei, was sie allerdings sehr wunderte. Denn Laptops und alles, was die Moderne hervorgebracht hatte, lehnte ihre Freundin als Verfechterin des Steampunk kategorisch ab. Für sie sah die perfekte Welt wie im viktorianischen Zeitalter aus und würde mit Fantasie-Technik aus Dampf, Mechanik und Zahnrädern funktionie-ren.
Daher wunderte es Gwendolyn noch mehr, als Olivia den USB-Stick mit den Daten des Werbeflyers ohne Widerworte entgegennahm. Denn sie hatte sich bereit erklärt, Gwendolyn aus guten Gründen die Bestellung beim CopyMaster abzunehmen.
Eine Stunde später stand Olivia wieder vor ihr und gestikulierte wild mit ihren Armen in der Luft. „Cap! Was hast du nur gemacht? Gib es zu, du bist eine Fee und hast den armen Kerl verzaubert!“
Gwendolyn war maximal irritiert. „Was ist denn passiert? Wen meinst du?“
„Der zugegeben etwas seltsame CopyMaster-Typ hat mir nicht nur die Werbeflyer direkt ausgedruckt.“ Sie zeigte auf den Papierstapel auf der Verkaufstheke, „sondern mir auch noch die hier mitgegeben!“ Aus einem flachen Karton reichte Olivia Gwendolyn ein rechteckiges Kärtchen und ein längliches, beides auf dünner Pappe gedruckt.
„Das sind ja eine Visitenkarte und ein Lesezeichen mit dem Logo des Books & Teatime! Das ist ja bezaubernd! Wann hast du die denn noch gestaltet?“, freute sich Gwendolyn.
Olivia hob abwehrend die Hände. „Das war ich nicht. Ich pack´ doch so ein technisches Teufelsding nicht an!“ Mit dem technischen Teufelsding meinte Olivia natürlich Gwendolyns Laptop.
„Du hast jedenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, schmunzelte Olivia. „Er hat mir versichert, dass er zur Eröffnung kommt. Dann kannst du dich ja bei ihm mit einem Küsschen bedanken.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken zum Mistelzweig.
Gwendolyn stöhnte.
Olivias Gekicher ging in das Glöckchengebimmel der Eingangstür über.
„Hallo zusammen!“ In der Tür stand Philomon. Auf dem Rücken ein schwarzer Rolltop Rucksack. An ihn hatte Gwendolyn gar nicht mehr gedacht! Reiner Zufall oder Schicksal, dass er beim Thema Mistelzweig hereinschneite?
„Dann wollen wir das Maschinchen mal anwerfen.“ Er rieb sich freudig die Hände.
„Welches Maschinchen und was macht der Typ hier, Cap?“ Olivia verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das ist Philomon. Er ist Barista im Coffee-Shop, hat mir mit den anderen Nachbarn geholfen, die Bücherkisten in den Laden zu tragen, und angeboten, mir den Vollautomaten zu erklären. Philomon, das ist Olivia.“
„Zu ihren Diensten.“ Er machte tatsächlich eine Verbeugung und zwinkerte Olivia zu, was sie zu Gwendolyns Verwunderung mit einem winzigen Lächeln quittierte. Dann begutachtete er den beachtlichen Berg Weihnachtsschmuck auf und vor dem Verkaufstresen.
„Ho-ho-ho!“, ahmte er Santa Claus nach, schmückte seinen Hals mit einer gold glitzernden Girlande und hielt eine rote Kugel hoch. „Hier ist Weihnachten explodiert! Kann Santa jetzt überhaupt noch sein Haus schmücken?“
„Ach, das bisschen… ist alles gedacht für den Baum, zwei Kränze für die Schaufenster und für ein paar Tannengirlanden", winkte Gwendolyn ab, gab dann aber kleinlaut zu: „Die ich allerdings noch nicht besorgt habe…“
„Dann auf zu St. Johns Church! Dort gibt es die schönsten Weihnachtsbäume! Hast du einen Schlitten?“
„Wenn du das sagst… einen Schlitten?“
„Na, damit wir den ganzen Wald hierher bekommen“, lachte Philomon, und es war ein sehr ansteckendes Lachen. Außerdem gefiel ihr seine spontane und offene Art auf Anhieb sehr.
„Da fällt mir ein, im Keller steht noch eine Antiquität, die ich aus Nostalgie-Gründen meiner Mom zuliebe nicht wegschmeißen durfte. Liebes, dieses Prachtstück verwandle ich in ein zauberhaftes kleines Regal… oder ein Beistelltischchen!“, ahmte sie Holly gekonnt nach.
„Deine Mom hat sehr viel Phantasie", stellte Philomon wenig später ungerührt fest, als sie mit dem Schlitten aus verkratzten Holzlatten und rostroten Kufen aus dem Keller wiederkam. Er beäugte ihn skeptisch von allen Seiten. Auch Olivia rümpfte die Nase.
„Dann können wir jetzt los“, freute sich Gwendolyn, aber Philomon hielt sie zurück.
„Diese Kufen sind allenfalls noch bessere Bremsklötze. Wir müssen den Rost runterkriegen und sie einwachsen", erklärte er fachmännisch.
Ratlos stand Gwendolyn vor ihm. „Und wie?“
„Wir brauchen Schleifpapier und Topfreiniger“, überlegte Philomon. „Einen Lappen und eine Kerze. Hast du das alles da?“
„Warst du in deinem früheren Leben MacGyver?“, lachte Olivia, und Gwen war überglücklich, dass zumindest Philomon einen Plan hatte. Das Schleifpapier fand sie in einer Werkzeugkiste, Topfreiniger und Lappen in der Küche und von den Notfallkerzen in einer Schublade des Verkaufstresens konnte sie für diesen lebensnotwendigen Zweck gut eine entbehren.
Als sie fertig waren, waren sie zwar etwas aus der Puste, aber es stand ein Schlitten mit silberglänzenden Kufen vor ihnen.
„Du bist echt eine Wucht!“, lobte ihn Olivia, was Philomon einen Satz rote Ohren bescherte.
Gwendolyn zog sich ihren Mantel an und streifte die roten Lederhandschuhe über; ebensolche antiken Schätzchen wie der Schlitten, die sie vor ein paar Jahren aus dem Theaterfundus mitnehmen durfte. Wenn die eigene Mutter in einem geschichtsträchtigen Theater arbeitete, dessen Kostümfundus ein Füllhorn der zauberhaftesten Kleider aus längst vergangenen Zeitepochen behütete, war es sehr reizvoll, sich dort aufzuhalten und in der Geschichte zu wandeln. Die roten Lederhandschuhe hielt sie seither in Ehren. Sie passten farblich auch perfekt zu ihrer Brille und dem Wollmonster.
Der Weihnachtsbaumverkauf Pines & Needles führte die frischesten und qualitativ hochwertigsten Weihnachtsbäume aus dem Hochland. Zumindest warb das Familienunternehmen mit diesen Worten dafür. Nach einem zehnminütigen Fußmarsch von der Buchhandlung bis zum Kirchgarten erreichten sie die St. Johns Church. Die alte Kirche aus grauem Kalkstein bot eine beeindruckende Kulisse: Aus dem 1845 fertiggestellten Bau in viktorianischem Gotik-Stil ragte ein hoher viereckiger Turm empor und sah auf mehrere Seitenschiffe mit einer Vielzahl anmutiger Lanzetten- und Rosettenfenster mit Buntglas herab. Darunter tupften die Tannenbäume von Pines & Needles die Wände grün.
Eine Dreiviertelstunde später hatten sie zwei Kränze, drei Girlanden und einen beachtlichen Tannenberg mit Hilfe zweier beeindruckter Verkäufer auf dem Schlitten festgeschnallt. Gemeinsam zogen sie ihn dann über die weißen Gehwege zur Buchhandlung zurück; wobei der Baum mit seiner Spitze noch gut eineinhalb Meter über die Sitzfläche hinausragte und über den Boden fegte.
Als sie im Buchladen eintrafen, schaltete Olivia das Radio ein, aus dem Paul McCartney ihnen A Wonderful Christmastime wünschte.
„Darf ich bitten?“ Philomon nahm die singende Olivia bei der einen und die überraschte Gwendolyn bei der anderen Hand und tanzte mit ihnen durch den Verkaufsraum.
„Was haltet ihr jetzt von einem leckeren Heißgetränk, um wieder richtig aufzutauen?“ Philomon sah in begeisterte Gesichter.
„Dabei schaue ich dir gern über die Schulter!“, rief Gwendolyn.
„Deswegen bin ich doch eigentlich hier“, lachte Philomon, „Gut, dass ich heute den ganzen Tag frei habe. Als hätte ich geahnt, dass mein Können und Wissen in gleich mehreren Disziplinen gefordert wird!“
„Und jetzt wird dekoriert!“, verkündete Gwendolyn, nachdem sie von Philomon eine wirklich gut erklärte Einweisung in die Bedienung des Kaffeevollautomaten erhalten und alle drei heißen Kakao mit einer großen Sahnehaube genossen hatten.
Begeisterungsstürme sahen anders aus, aber sie wusste ja, dass ihre Freundin ihren Geschmack nicht teilte. Dazu waren sie grundsätzlich zu verschieden. Olivia freute sich, dass sie sich freute und half tatkräftig mit. Philomon bewies beim Dekorieren ein Auge fürs Detail.
Im üppigen Grün der Girlanden versteckten sie mit Schleifchen verzierte Lichterketten. Eine kam von außen an die Theke, eine legten sie auf den Kaminsims und die längste befestigte Oli unterhalb des Torbogens zwischen den Verkaufsräumen. Der Mistelzweig wackelte und schwankte einen Moment erbost, als ob er sich ihr wieder ins Gedächtnis rufen wollte. Doch Gwendolyn ignorierte ihn. Sie war zu sehr damit beschäftigt, mit vollem Eifer weihnachtliche Gemütlichkeit zu schaffen.
Die Kränze mit roten und goldenen Kugeln und einer dicken roten Schleife geschmückt bekamen ihren Platz jeweils in einem der Schaufenster und gaben der Fassade des Books & Teatime den feierlichen Schliff.
„Wo soll der Baum hin?“, fragte Olivia.
„Hier hin!“ Gwendolyn stellte sich mittig unter die Glaskuppel in die Library of Gwen. Dieser Weihnachtsbaum sollte skulpturengleich zum Mittelpunkt ihrer Buchhandlung werden. Allein seine Höhe strahlte eine Erhabenheit aus, die ihres Gleichen suchte. Er war gerade gewachsen und mit dichtem Geäst, das sie nun mit Lichterketten umwickelten. Sie schmückten ihn mit den Minibüchlein, Kugeln, Engelchen, getrockneten Orangenscheiben und den skurrilen Gabel- und Löffelanhängern. Zuletzt legte Gwendolyn noch die Sternchen-decke darunter und freute sich schon auf den Moment, wenn der Baum im warmen Glanz erstrahlte. Glücklich betrachteten die drei nach getaner Arbeit ihr Werk, bis Gwendolyn etwas einfiel: „Oh, schon so spät! Ich muss gleich los!“
„Ach, ja! Das Nachbarschaftstreffen. Meinst du, Scrooge ist auch da?“, überlegte Olivia.
„Oli, das ist nicht hilfreich! Es macht mich sowieso schon nervös, so viele neue Leute auf einmal kennenzulernen. Alle Augen werden auf mich gerichtet sein, auch die von Mr. Barline… und du weißt, wie ungerne ich im Rampenlicht stehe!“
„Du packst das schon", versuchte Philomon sie zu beruhigen. „Er ist ja zum Glück nicht der einzige, der da ist.“
„Wenn du meinst, er würde sich bei der Versammlung nicht trauen, mir seine Liebenswürdigkeiten direkt ins Gesicht zu sagen, kennst du ihn noch nicht gut.“ Gwendolyn fröstelte, aber straffte dann ihren Oberkörper. „In ein paar Tagen eröffne ich mein Buchcafé und gehöre somit genauso zum Kreis der Geschäftsleute wie er.“
„Also, zeig es ihm, Cap!“
„Das werde ich.“
Spazierte man die Portobello Road hinunter, lag der Pub The Pale Moon fast an ihrem Ende, wo sie einen Knick machte. Das langgezogene Gebäude verschwamm im Dunkel des Abends mit seiner tiefblauen Fassade mit dem Nachthimmel. Die Fensterläden waren geschlossen und ließen nur an wenigen Stellen goldenes Licht durchblitzen wie funkelnde Sterne. Nur die blasse Mondscheibe, die über dem Eingang hing, wies den Besuchern den Weg ins Innere. Die alte Holztür knarzte. Gwendolyn glitt aus der stillen Dunkelheit der Straße in einen gut gefüllten Gastraum. Die Einrichtung aus dunklem Holz, grünem Leder und tiefhängenden Decken war typisch englisch. Der Dämmerschein der Tischleuchten tauchte alles in Gemütlichkeit. Das Summen der Stimmen mischte sich mit dem fröhlichen Rhythmus von Gitarre und Fiddle eines Singer-Songwriter Duos, mit ihren Irish-Folk-Klängen für ausgelassene Stimmung sorgten.
„Hier drüben, Liebes!“, hörte Gwendolyn Bethanys Stimme durch das Menschengewirr, und sah sie einen Augenblick später aus einer Ecke winken. Sie schob sich an schwatzenden Gästen vorbei und ging auf den einzigen runden Tisch im Lokal zu, um den sich ein Dutzend Personen drängten. Neben einigen noch fremden Gesichtern erkannte sie Collin, Lillibeth, Bethany, Modeverkäuferin Victoria und Georgina. Hatte sie sich in einen Moment gewundert, dass Theon Barline nicht da war, war sie im nächsten sehr erleichtert, aber gleichzeitig wenig überrascht. Warum sollte er den anderen Inhabern gegenüber ein besserer Nachbar sein?
Georgina sprang auf, umarmte sie und entwendete einen Stuhl von einem Nachbartisch für sie. Dann organisierte sie ihr schnell auch noch ein Getränk.
„Hallo alle zusammen.“ Gwendolyn setzte sich und lächelte in die neugierigen Gesichter der Versammelten, die ihr zuprosteten.
„Jetzt sind wir vollzählig.“ Ein Mann Ende vierzig erhob sich und rückte seine runde Brille zurecht. Die langen, gezwirbelten Spitzen seines Schnäuzers über einem üppigen Seemannsbart wippten beim Reden hoch und runter. Er trug ein Metallica T-Shirt, und ein Lederarmband schmückte sein Handgelenk. „Miss Shakespeare, mein Name ist Arlo Hucksberry. Ich bin Moderator des lokalen Radiosenders Real Joy NH und ich möchte sie herzlich in unserer verrückten Runde willkommen heißen.“
„Walt, Gwen wird noch früh genug herausfinden, wie verrückt wir wirklich sind!“ Bethany versah ihn mit tadelndem Blick über ihre blaue Lesebrille.
Walt nickte, stellte ihr den Rest der Anwesenden vor und kam dann direkt zum ersten Tagespunkt: „Wie weit sind wir mit den Vorbereitungen für Mission Weihnachtswunder?“
„Von Jahr zu Jahr werden es mehr, die ihre Wünsche aufschreiben. Wir haben noch nicht alle erfüllen können.“
„Was ist Mission Weihnachtswunder?“ Gwendolyn sah fragend in die Runde.
„Es geht darum, Wünsche zu erfüllen", erklärte Arlo.
„Wir sind die Wichtel von Santa Claus!“, rief Kathy, eine hochgewachsene Mittfünfzigerin. Ihre strenge Bob-Frisur ließ sie
wie Stummfilmstar Louise Brooks aus den 1920er Jahren wirken. Im diesigen Licht des Pubs glänzte ihr Haar wie ein grau melierter Helm.
Lillibeth kicherte. „Bei Kathy kann man nicht nur Wolle kaufen, sondern auch Santa Claus einen Brief mit Wünschen senden“, erklärte sie, „Kinder und auch Erwachsene. Es melden sich viele Familien, die nicht wissen, wo sie das Geld für ein Geschenk hernehmen sollen. Doch bei Mission Weihnachtswunder geht es nicht nur um Puppen, Fahrräder oder Computerspiele; die Menschen wünschen sich auch, etwas Einmaliges zu erleben, jemanden kennenzulernen oder einfach nur ein Gespräch oder ein liebes Wort.“
„Ein junger Mann hatte den sehnlichen Wunsch, einmal in einem Polizeiwagen das Martinshorn einschalten zu dürfen", lachte Bethany.
„Erinnert ihr euch noch an diese charmante alte Dame, die vor vielen Jahren von ihrer Schwester getrennt worden war und sie seitdem so sehr vermisste?“, überlegte Victoria.
Lillibeth legte sich mitfühlend die Hand aufs Herz. „Ja natürlich! Aber wir haben es geschafft, sie ausfindig zu machen!“
„Wirklich?“ Gwendolyns Herz füllte sich mit Wärme.
Während alle noch in Erinnerungen schwelgten, meldete sich ein Mann mit kleinem Musketierbärtchen in schickem Anzug zu Wort, den Arlo als Herrenausstatter Robert Downing vorgestellt hatte: „Es tut mir leid, aber ich muss euch leider mitteilen, dass das Weihnachts-wunder-Fest am Heiligabend in diesem Jahr nicht in unserem Geschäft stattfinden kann.“ Ein Raunen ging durch die Versammelten, als er weitersprach: „Meine Mutter hat sich den Arm gebrochen und ich bin schon genug damit beschäftigt, ihr beim Kreuzworträtseln zu helfen, während ich meinen Kunden passende Socken zu ihren Krawatten heraussuche.“
Arlo klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter und sah die anderen fragend an.
„Unser Laden ist zu klein", bedauerte Betty, und Lilly nickte.
Gwendolyn überlegte nicht lange. Einem inneren Impuls folgend verkündete sie: „Dann findet das Fest in diesem Jahr im Books & Teatime statt. Ich habe genug Platz und einen großen Baum, unter den wir Geschenke legen können.“
Sie sah in begeisterte Gesichter. Alle prosteten ihr zu. Nur Georgina lehnte sich zur ihr herüber und raunte ihr schmunzelnd zu: „Wenn Teddy das hört… am besten schenkst du ihm vorsorglich eine Vorratspackung Ohrstöpsel, falls es bei der Feier lauter wird.“
Teddy? Offenbar meinte sie ihren Bruder. Gwendolyn nickte etwas irritiert, fing sich aber schnell wieder. „Das ist eine sehr gute Idee. Ich hoffe nur, dass es gar nicht so weit kommt. Ich helfe gerne und finde diese Mission wundervoll. Wer weiß, vielleicht bekomme ich deinen Bruder ja dazu, mitzuhelfen und beim Fest dabei zu sein?“ Glaubte sie selber, was sie da sagte oder sprach aus ihr der Punsch? Gwendolyn sah in ihren Becher. Mag sein, dass es bereits ein Schluck zu viel gewesen war.
Ginas Augenbrauen schnellten beeindruckt empor: „Du liebst offenbar die Herausforderung.“
Theon Barline war mit Sicherheit eine Herausforderung. Erstmal würde Gwendolyn abwarten, ob er den Weg zu ihrer Eröffnung ins Books & Teatime finden würde. Sie nahm sich vor, besonders nett zu ihm zu sein. Trotz aller unangenehmer Begegnungen, die sie mit ihm gehabt hatte.
„Wo ist er eigentlich?“
Gina grinste schief. „Bei seinen Geigen, wo sonst? Einer muss ja das Amadeus hier vertreten, nicht wahr?“, zwinkerte sie.
„Gut, dann kann ich in meiner Sendung bekannt geben, wo das Fest stattfinden wird", nickte Arlo und sein Zwirbelbärtchen wippte mit. „Gwendolyn, hätten Sie in der kommenden Woche Zeit, im Radiosender vorbeizuschauen? Ich würde gerne ein Interview mit Ihnen führen. Sie können gerne Ihr Buchcafé vorstellen.“
Das Angebot nahm sie natürlich gerne an. Diese Menschen waren liebenswert und einfach großartig! In der Gesellschaft ihrer Nachbarn fühlte sie sich vom ersten Moment an pudelwohl. Von einem Getränk zum nächsten wurde mehr gelacht. Der Austausch der Wichtelgeschenke war das letzte, lustige Highlight des Abends. Gwendolyn hatte einen der niedlichen Buch-Baumanhänger eingepackt, über den Bethany sich sehr freute. Denn das Büchlein war dunkelblau. Sie selbst packte selbstgestrickte Pulswärmer aus himmlisch flauschiger Wolle aus.
Als die Versammlung sich langsam auflöste, war Gwendolyn sehr zufrieden. Sie verließ das Pale Moon mit einem warmen Gefühl im Bauch.
„Na, schon aufgeregt?“ Georgina stand neben ihr, was sie beruhigte. Denn ihr wäre nicht wohl dabei gewesen, spät nachts alleine auf ein Taxi zu warten.
„Ja, sehr! Aber vor Freude. Am liebsten würde ich jetzt sofort die Ladentür öffnen!“ Sie malte mit ihren Füßen Kringel in den frisch gefallenen Schnee. Schneeflocken trudelten auf sie herab und die Lichterketten an den Fassaden der Häuser glitzerten geheimnisvoll. Gwendolyn fühlte sich, als wäre sie in einer Schneekugel.
Als die Kegel zweier Autoscheinwerfer sie erfassten, drückte sie Georgina noch einmal herzlich an sich. Das Taxi war da. Als Gwendolyn kurze Zeit später die Haustür ihrer Noch-Wohnung öffnete, wusste sie genau, was sie heute in ihr Notizbuch schreiben würde.
„Wie schön es doch ist, dass niemand nicht einmal eine Sekunde lang warten muss, bevor er anfängt, die Welt zu verbessern!“
∼ Anne Frank, Das Tagebuch der Anne Frank
Hatte sie heute angefangen, die Welt zu verbessern? Vor deren Hintergrund wogen Annes Worte natürlich um ein Vielfaches schwerer, doch Gwendolyn fand, dass die Weihnachtswunder-Feier, die sie angeboten hatte, in ihrem Buchcafé zu veranstalten, ein Anfang war. Ein kleiner Beitrag, um einige Menschen glücklich zu machen.